Autor: Nathalia Schmidt

  • 3 Fragen an 2 »Maries«

    3 Fragen an 2 »Maries«

    Heute beginnt die »Nussknacker«-Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit einem besonderen Jubiläum: John Neumeiers beliebte Ballettfassung wird 50 Jahre alt! Die Rolle der Marie wird in diesem Jahr von zwei Tänzerinnen verkörpert: Giorgia Giani und Emilie Mazoń. Im Interview sprechen sie über die Magie des »Nussknackers«-Balletts, die Rolle der Marie und ihre schönsten Weihnachtstraditionen.

    »Der Nussknacker« ist für viele Familien eine alljährliche Weihnachtstradition, und er scheint nicht alt zu werden. Was glaubst du, warum das Ballett die Fantasie der Menschen so sehr anregt?

    Emilie Mazoń: Ich denke, dass das Ballett »Der Nussknacker« eine so beliebte Familientradition ist, weil es das Publikum an die Faszination, Freude, Unschuld und Ausgelassenheit der Jugend erinnert. Ich glaube, dass jeder einen Teil von Marie in sich trägt und sich daher mit ihrer Reise identifizieren kann. Es ist eine wunderbare Erinnerung für alle, die Welt so zu sehen, wie wir sie als Kinder gesehen haben. Eine ehrliche und aufregende Welt, die man oft vergisst, wenn man an Erfahrung und Reife gewinnt.

    Marie (Emilie Mazoń) feiert ihren 12. Geburtstag © Kiran West

    Giorgia Giani: John Neumeiers »Der Nussknacker« ist ein Ballett ist, das jedermanns Fantasie anregt, weil es leicht nachzuvollziehen ist. Es geht um die Aufregung, etwas zum ersten Mal zu sehen und auszuprobieren! Die unschuldige Neugier eines Kindes, die Schönheit des Verliebtseins und die Magie des Träumens. Es geht darum, sich etwas von ganzem Herzen zu wünschen. Es geht um harte Arbeit und Hingabe und es geht um Fantasie und Bewunderung. Jeder kann sich in diesen grundlegenden menschlichen Themen wiedererkennen. Ich denke, das ist der Grund, warum John Neumeiers »Nussknacker« nie alt werden wird.

    Wie ist es für dich die Rolle der Marie in John Neumeiers »Nussknacker«-Ballett zu tanzen und hat sich die Rolle verändert, seit du sie verkörperst?

    Giorgia: Für mich ist die Rolle der Marie eine ziemliche Herausforderung, sie zu interpretieren. Sie erfordert, dass man so rein, ehrlich und impulsiv ist wie ein Kind. Wenn man erwachsen wird, läuft man Gefahr, das impulsive Denken und Handeln zu verlieren. Kinder hingegen sehen die Welt mit Augen voller Faszination und Neugier, ohne die Angst, verurteilt zu werden. Die Rolle der Marie zu tanzen, bringt mich dazu, mein inneres Kind ganz neu zu entdecken.

    Marie ist, seit ich sie das letzte Mal getanzt habe, ein anderes Mädchen für mich. Jedes Jahr und bei jeder Aufführung versuche ich mir vorzustellen, dass ich alles zum ersten Mal erlebe. Wie aufregend es ist, mein erstes Paar Spitzenschuhe anzuziehen, wie erstaunlich es ist, sich zum ersten Mal zu verlieben und wie magisch es ist, zu träumen. Marie ist authentisch, deshalb ist jede Vorstellung anders, ich muss jeden Moment spüren und nicht versuchen, etwas zu reproduzieren.

    Marie (Giorgia Giani) tanzt zum ersten Mal mit Günther (Christopher Evans) und verliebt sich in ihn © Kiran West

    Emilie: Die Rolle der Marie hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Sie war eine der ersten Rollen, die ich hier in Hamburg getanzt habe, und dies ist nun meine neunte Spielzeit in der Compagnie. Es ist also die Rolle, die ich am meisten erlebt und am längsten getanzt habe. Das schafft eine besondere Situation für mich, da ich diese Gelegenheit nutzen kann, um damit zu experimentieren, wer Marie in einer bestimmten Aufführung sein kann. Die Schritte sind ein Teil von mir geworden, was mir die Freiheit gibt, mich zu entspannen und jeden Abend neue Situationen zu entdecken.

    Zahlreiche Gäste kommen zu Maries Geburtstagsparty, darunter der exzentrische Ballettmeister Drosselmeier (Alexandre Riabko) © Kiran West

    Ein wunderbarer Teil von Marie ist, dass sie fast den ganzen Abend auf der Bühne steht und sich mit allen anderen Figuren auf der Bühne auseinandersetzt. Ich liebe es zu entdecken, wie die Energie und die Aktionen meiner Kolleginnen und Kollegen mich inspirieren, bei jeder Aufführung anders zu reagieren. Marie lässt auch die Freude daran wiederaufleben, wie wir das Tanzen gelernt haben und was für ein heiliger Ort die Bühne für uns Künstler ist. Wir dürfen nie die ersten Schritte vergessen, die wir auf einer Bühne gemacht haben …

    Was ist deine liebste Weihnachtstradition?

    Emilie: Meine liebste Weihnachtstradition ist es, mit meiner Familie zusammen zu sein und die Weihnachtsfreude mit ihnen zu teilen. Für mich ist das der wichtigste Aspekt dieser Zeit des Jahres – die Möglichkeit, mit den Menschen, die wir lieben, zusammen zu sein und darüber nachzudenken, was im Leben am wichtigsten ist.

    Marie (Emilie Mazoń) ist fasziniert von den farbenfrohen Tänzen im 2. Akt, sie mischt sich unter die Narren, um mit ihnen zu tanzen © Kiran West

    Giorgia: Ich LIEBE Weihnachten, ich liebe einfach alles, was mit Weihnachten zu tun hat.

    Die Lichter, die Musik, den Baum, das Essen. Es ist die perfekte Gelegenheit, um den Menschen, die man liebt, zu sagen, dass man sie liebt, um Geschenke für sie zu finden und Zeit mit ihnen zu verbringen.

    Ich glaube, meine liebste und obligatorische Weihnachtstradition ist genau das: mich mit den Menschen zu umgeben, die ich liebe. Familie und enge Freunde. Panettone essen, Brettspiele spielen und quatschen, bis es Nacht wird!

    … Und natürlich ist der Baum ein Muss! Ich habe ihn schon seit Anfang November aufgestellt und geschmückt, und wenn es nach mir ginge, könnte er das ganze Jahr über dort stehen bleiben!

    Nathalia Schmidt

  • BallettTester »Ein Sommernachtstraum«

    BallettTester »Ein Sommernachtstraum«

    Als BallettTester durften Paula, Elise und Ole unsere Wiederaufnahme bereits in der Hauptprobe erleben. Hier erzählen sie von ihren Erlebnissen und Eindrücken.

    »Seid ihr denn des Wachens auch gewiss? Mir scheint’s wir schlafen, wir träumen noch.« (Ein Sommernachtstraum, IV Akt, I Szene)

    Am Freitagabend ging für mich ein Traum in Erfüllung. Im wahrsten Sinne des Wortes: Denn ich durfte mir zusammen mit zwei weiteren BallettTestern die Hauptprobe von »Ein Sommernachtstraum«, eine Wiederaufnahme des Hamburg Ballett, in der Staatsoper Hamburg ansehen. Nachdem wir sehr freundlich im Foyer der Staatsoper begrüßt wurden, öffnete sich pünktlich um 17:00 Uhr der Vorhang und der Prolog des Stückes begann.

    Das Stück beginnt mit den Hochzeitsvorbereitungen der Vermählung von Hippolyta (Alina Cojocaru) und Theseus (Christopher Evans). Hier bleibt vor allem die 8,5 meterlange Schleppe im Gedächtnis, die Hippolyta trägt, als sie sich, mit dem Rücken gewandt zum Publikum, im Spiegel betrachtet. Nachdem alle Vorbereitungen für die Hochzeit beendet sind, schläft Hippolyta auf einem Sofa ein und beginnt zu träumen.

    Demetrius, Helena, Puck, Lysander und Hermia im Feenwald © Kiran West

    Nach dieser schön inszenierten Einleitung, verwandelt sich das Bühnenbild in einen düsteren Feenwald, in dem sich Elfenkönig Oberon (Christopher Evans), Feenkönigin Titania (Alina Cojocaru) und der Elf Puck (Alexandr Trusch) aufhalten. Auch wenn das Bühnenbild im ersten Moment vielleicht schlicht wirkt, bleibt es nicht lange so. Durch die Tänzer wird der Wald zum Leben erweckt. Zudem bekommt alles durch die glitzernden Kostüme von Oberon und Titania etwas Magisches.

    In diesem Wald trifft sich das junge Paar Hermia (Madoka Sugai) und Lysander (Matias Oberlin). Hermia wird allerdings von Demetrius (Alexandre Riabko) verfolgt, der ebenfalls in sie verliebt ist. Demetrius wird wiederum von Helena (Leslie Heylmann) verfolgt, die in diesen verliebt ist. Elfenkönig Oberon bekommt das alles mit und beauftragt Puck damit Demetrius mit einer Blume zu verzaubern, damit dieser sich in Helena verliebt. Doch anstelle von Demetrius trifft Puck Lysander, der nun zu Hermias Leidwesen nur noch Augen für Helena hat. Ein riesiges Liebeschaos beginnt, das choreografisch sehr charmant dargestellt wird.

    Die Handwerkergruppe in »Ein Sommernachtstraum« © Kiran West

    Ab und zu zieht auch noch eine Gruppe von Männern mit einer Drehorgel durch den Wald, die zu Ehren von Hippolytas und Theseus Hochzeit ein Theaterstück aufführen wollen und im Wald einen Platz zum Proben suchen. Aus Spaß verwandelt Puck den Kopf von dem Anführer der Gruppe Zettel (Marc Jubete) in den eines Esels und Titania verliebt sich, ebenfalls durch Pucks Zauberblume, in diesen.

    Auch wenn der Titel des Stücks nach einem Traum verlauten lässt, ist die Handlung alles andere als einschläfernd! Enden tut das Stück mit einer riesigen Hochzeit, die durch wunderschöne Tänze, dem Grand Pas de deux von Hippolyta und Theseus und dem humorvollen Stück von Zettel und seiner Handwerkergruppe zum wahren Spektakel wird.

    Alles in allem ist die Inszenierung einfach ein (Sommernachts-) Traum! Meiner Meinung nach wird Shakespeares Komödie sehr liebevoll und mit viel Witz und Charme in Szene umgesetzt. Es lohnt sich also auf jeden Fall nicht nur für Shakespeare- und Ballettliebhaber sich von diesem Stück verzaubern zu lassen!

    Paula Wegner, 22 Jahre

    Ich bin Elise, 11 Jahre alt. Ich habe mir das Ballettstück »Ein Sommernachtstraum« angesehen und das ist meine Meinung dazu:

    Am Anfang war es etwas schwierig der Handlung zu folgen, weil die wichtigen Szenen oft gleichzeitig oder ganz schnell hintereinander stattfanden. Der Traum und die Wirklichkeit waren gut voneinander zu unterscheiden, gingen aber auch gut ineinander über. Am Ende wurde es etwas schleppend, da sich circa 40 Minuten nur um die Hochzeit drehten. Trotz dieser Kritik würde ich mir das Ballettstück auch noch einmal ansehen, weil es viel zu sehen und hören gibt.

    Das Ensemble als Feen und Elfen in »Ein Sommernachtstraum« © Kiran West

    Um auf das Hören zurückzukommen: das Orchester, das vor der Bühne im Graben spielte, hörte sich toll an. Die Musik passte perfekt zu der jeweiligen Stelle und weckte immer die gefragte Emotion. Das »Sehen« war auf die Tänzer, die eine tolle Leistung gebracht haben, zurückzuführen. Was mich am meisten beeindruckte: Die Kostüme und die Bühnenbilder, die fantastisch zu der jeweiligen Stelle passten. Immer wieder habe ich mich gefragt, wann die Tänzer den Baum u.a. weggeschoben haben, weil die ganze Zeit etwas passiert ist und man das gar nicht mitgekriegt hat. Außerdem kam mir die Bühne riesig vor, weil sie nicht zu vollgestellt war. Ich war überrascht, dass die Tänzerinnen und Tänzer in solchen Kleidern, besonders dem mit der langen Schleppe, tanzen konnten und es hat mir sehr viel Spaß gemacht dieses Ballett zu sehen. Wie schon gesagt, ich würde das Ballett gerne noch einmal erleben, um alles zu sehen und zu verstehen und vor allem aus Spaß. Ein großes Lob an die Tänzerinnen und Tänzer und an die Organisatoren und Macher dieses Stückes. Danke, dass ich das hier schreiben konnte!

    Elise Weber, 11 Jahre

    Die Neugier hat mich hierhergeführt.

    Es ist mein erstes Mal im Ballett überhaupt und dann gleich zu so einem Hochkaräter. »Ein Sommernachtstraum« kenne ich sehr gut, ich habe selbst schon Lysander im Theater gespielt und weiß, wie verwirrend dieses Stück von Shakespeare sein kann.

    Ich hoffe, dass ich dem Stück gut folgen kann, auch ohne den Gebrauch von Sprache. Auf der Bühne passiert viel zur selben Zeit und ich habe anfangs Orientierungsschwierigkeiten und versuche zu verstehen, wo die wirkliche Handlung stattfindet. Mit meinen Augen probiere ich überall gleichzeitig zu sein; was mich anfangs irritiert, wird zunehmend verständlicher, ich lasse es einfach auf mich wirken. Die beeindruckenden Tanzszenen kann ich noch nicht selbst erkennen, sondern merke es erst in dem Moment, wo die Fotografen wie verrückt auf den Abzug drücken und das Klackern der Kameras von allen Seiten kommt. Ich sitze mittendrin.

    Alina Cojocaru und Christopher Evans als Titania und Oberon © Kiran West

    Dennoch merke ich, wie viel ich wiedererkenne und verstehe. Es sind wirklich beeindruckende Szenen, die sich da abspielen; vor allem die Szenen von Oberon, Titania und dem frechen Puck. Sie haben etwas Mystisches im Vergleich zu den pompösen Szenen der anderen Akteure. Eine ganz andere Facette der Inszenierung sind die Handwerker, die es schaffen dem Ballett auch etwas Witziges zu verleihen. Nach dem langen und großartigen Finale bin ich sprachlos und weiß nicht so recht, was ich darüber sagen soll. Es wirkt ein bisschen so, als hätte ich drei ganz unterschiedliche Arten von Ballett gesehen, die aber am Ende in der Hochzeitsszene zusammengeführt werden.

    Es hat mich überrascht, wie man Shakespeare auch ohne seine beeindruckenden Texte auf die Bühne bringen und wie viel allein der Tanz an Emotionen und auch an Handlung rüberbringen kann.  Das Ballett im Allgemeinen wird es nicht schaffen den Platz des Theaters in meinem Herzen einzunehmen, aber die vielen Inszenierungen von John Neumeier, die ihren Ursprung bei Shakespeare haben, haben mein Interesse geweckt und es wird nicht mein letzter Besuch im Ballett gewesen sein!

    Ole Feldvoss, 20 Jahre

  • Hippolytas Brautschleppe

    Hippolytas Brautschleppe

    In unserer Reihe »Das Hamburg Ballett in Zahlen« veröffentlichen wir regelmäßig interessante Zahlen und Fakten rund um das Hamburg Ballett. Was verbirgt sich wohl hinter der heutigen Zahl?

    Voller Vorfreude blicken wir auf die kommende Wiederaufnahme von John Neumeiers »Ein Sommernachtstraum« diesen Sonntag. Wenn sich der Vorhang zum ersten Mal hebt, erhaschen wir einen Blick in Hippolytas Zimmer. Die Königin der Amazonen ist die zukünftige Braut von Theseus, Herzog von Athen. Es bleibt noch ein Tag bis zur Hochzeit. Ganz langsam schreitet Hippolyta auf einen Spiegel zu und zieht beim Gang eine imposante Schleppe hinter sich her. Diese wird sie bei ihrer Hochzeit tragen. Näherinnen stürmen in ihr Zimmer, die schnell noch letzte Verzierungen an der Schleppe anbringen. Alles soll perfekt sein für ihren ersten großen Auftritt als Braut!

    Näherinnen stellen die Brautschleppe fertig © Kiran West

    Schleppen dienten damals als Statussymbol. Da sie beim Schleifen über den Boden oft verschmutzt und beschädigt wurden, das heißt wertvoller Stoff vernichtet wurde, eignete sich eine Schleppe zur Zurschaustellung von Reichtum. Am Hofe galt: Je höher der Adelsrang, desto länger die Schleppe! Hippolyta trägt eine 8,5 Meter lange Schleppe. Der Oberstoff ist aus reinem Seidensatin und der türkise Futterstoff, den man sehen kann, wenn die Näherinnen die Schleppe anheben, ist aus Dupionseide. Die Schleppe ist mit einer goldenen Malerei verziert, auf die goldene Pailletten geklebt sind. Am Stoffrand ist eine Goldlitze und eine Goldtresse angenäht. Durch diese Materialauswahl wirkt Hippolytas Brautschleppe sehr edel und elegant. Diese Schleppe ist einer Königin absolut würdig!

    Die Brautschleppe von Hippolyta © Kiran West

    Am Tag der Hochzeit kommt die Schleppe noch einmal in aller ihrer Pracht zum Vorschein. Wenn Hippolyta den Festsaal im Schloss von Theseus betritt, sind alle Augen auf sie und ihre Schleppe gerichtet, die von zehn Kindern der Ballettschule des Hamburg Ballett getragen wird! Ist diese Schleppe wirklich so schwer oder wirkt sie nur sehr wuchtig? Wir haben die KollegInnen der Kostümabteilung gefragt, die die Schleppe extra für uns vermessen und gewogen haben. Ihre Antwort: Die Schleppe wiegt ganze 7 Kilo! Das ist vielleicht nicht ganz so schwer, wie wir vermutet hatten, aber doch zu schwer, um darin zu tanzen. Nachdem das Königspaar eingetroffen ist, legt Hippolyta dann auch ihre Schleppe ab und macht sich bereit für das Grand Pas de deux mit ihrem Gatten Theseus.

    Nathalia Schmidt

  • Christopher Evans ist Theseus und Oberon

    Christopher Evans ist Theseus und Oberon

    Diesen Sonntag feiert John Neumeiers Ballettklassiker »Ein Sommernachtstraum« seine Wiederaufnahme in einer neuen jungen Besetzung. Unser Erster Solist Christopher Evans, gerade mal 25 Jahre alt, wird am 8. September die männliche Hauptrolle Theseus/Oberon erstmals auf der Bühne tanzen. Mitten in den Endproben hat er sich Zeit genommen und meine persönlichen drei Fragen beantwortet:  

    In »Ein Sommernachtstraum« wirst du den Theseus und den Oberon tanzen. Stellt diese Doppelrolle eine besondere Herausforderung dar?

    Christopher Evans: Theseus/Oberon sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Einer ist der Elfenkönig und der andere ein Herzog in der »realen« menschlichen Welt. Die Bewegungen von Oberon sind modern und voller elektrischer Spannung. Theseus´ Bewegungen dagegen sind der Sprache der Menschen nachempfunden, in John Neumeiers Version sind diese sehr klassisch. Diese beiden Charaktere an einem Abend darzustellen ist sehr aufregend und herausfordernd.

    Christopher Evans als Oberon mit Alina Cojocaru als Titania © Kiran West

    Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet? Hast du dich schon vorher mit der Geschichte von »Ein Sommernachtstraum« auseinandergesetzt?

    In unserer Sommerpause kaufte ich mir das Shakespeare-Stück und tauchte sofort in diese Welt ein. Die Sprache Shakespeares ist nicht einfach zu lesen. Meine Ausgabe enthielt jedoch viele Fußnoten und Kommentare zum Stück sowie Erläuterungen zu den speziellen Worten, die Shakespeare verwendet. Es hat mir wirklich sehr dabei geholfen, die Motivation der einzelnen Charaktere zu verstehen.

    In der ersten Probenwoche habe ich nicht nur daran gearbeitet alle Schritte zu lernen, sondern auch den Charakter von Theseus/Oberon zu entwickeln. Meine Partnerin Alina Cojocaru, die die Doppelrolle Hippolyta/Titania tanzen wird, hat schon einmal mit der Compagnie den »Sommernachtstraum« getanzt. Es ist wirklich wunderbar, sie als erfahrene Tänzerin an meiner Seite zu haben und hat mir auch sehr beim Lernprozess geholfen. 

    Als ich noch in der Ballettschule war, durfte ich bereits in »Ein Sommernachtstraum« mittanzen. So konnte ich schon viele wunderbare Tänzer in der Rolle des Theseus/Oberon erleben. Jetzt selbst diese Doppelrolle zu tanzen ist für mich eine große Ehre!  

    Christopher Evans als Theseus an der Seite von Alina Cojocaru als Hippolyta © Kiran West

    Eine letzte persönliche Frage: Wie und wann kamst du zum Tanz?

    Als ich vier Jahre alt war, sah ich eine Produktion von Riverdance auf Video und habe mich sofort in den Tanz verliebt! Ich tanzte im Wohnzimmer und tat so, als wäre ich selbst einer der Tänzer auf der Bühne. Ich habe auch Mikhail Baryshnikov in »Der Nussknacker« auf Video gesehen und war fasziniert von seinen Sprüngen und Drehungen. Als ich noch sehr jung war, wusste ich, dass ich tanzen wollte. Tanzen ist in meiner Seele.  

    Vielen Dank, lieber Christopher, für das Interview!

    Nathalia Schmidt

  • Xue Lin ist La Barbarina

    Xue Lin ist La Barbarina

    In der Sonntags-Vorstellung von »Tod in Venedig« im Festspielhaus Baden-Baden verkörperte die Solistin Xue Lin erstmals die Rolle »La Barbarina«. In einem Interview erklärt Xue, wie sie sich auf ihr Debüt vorbereitet hat und auf welche historische Person »La Barbarina« verweist.

    Am 3. Oktober hast du hier in Baden-Baden zum ersten Mal die Rolle der La Barbarina in »Tod in Venedig« getanzt. Was kannst du aus den Proben mit John Neumeier berichten? Gab es für dich die Gelegenheit mit Hélène Bouchet, für die die Rolle der »La Barbarina« ursprünglich kreiert worden ist, zu arbeiten?

    Xue Lin: Ja, als wir im letzten Jahr mit den Proben zur Wiederaufnahme von »Tod in Venedig« begannen, arbeiteten wir viel mit John Neumeier zusammen. Dadurch konnte ich mehr darüber erfahren, wie er sich diese Rolle in seinem Ballett vorgestellt hat und wie ich sie darstellen kann. Danach arbeitete ich auch viel mit den Ballettmeistern Lloyd Riggins und Leslie McBeth zusammen. Um mich noch besser mit einem anderen Tanzstil vertraut zu machen, der zur Rolle der »La Barbarina« gehört.

    Hélène hat mir sehr bei allen Schritten geholfen und mir gesagt, wie ich mich immer weiter verbessern kann. Ich bin wirklich dankbar, dass sie mir bei der Einstudierung der Rolle geholfen hat und ich so viel von ihr lernen konnte!

    Xue Lin mit Edvin Revazov und Ensemble in »Tod in Venedig« © Kiran West

    In Thomas Manns Novelle kommt die Figur »La Barbarina« nicht vor, John Neumeier hat sich vielmehr von einer historischen Person inspirieren lassen. Kannst du uns etwas zum historischen Ursprung der »Barbarina« sagen? Wer war sie?

    Sie war eine berühmte italienische Ballerina, eine der bedeutendsten Balletttänzerinnen des 18. Jahrhunderts. Sie wurde nicht nur als Tänzerin, sondern auch als Schauspielerin bekannt. Wegen ihrer tadellosen Ausführung der Entrechats nannte man sie »La Barbarina« oder »Die fliegende Göttin«.

    Xue, du bist seit 2011 Tänzerin beim Hamburg Ballett, seit 2016 Solistin, und hast schon viele Gastspiele des Hamburg Ballett nach Baden-Baden mitgemacht. Was gefällt dir besonders an Baden-Baden? 

    Das Erstaunlichste für mich in Baden-Baden ist die Natur, es gibt überall schöne Parkanlagen, Gärten und Blumen. Die Natur macht mich glücklich. Ich habe einmal den Nationalpark Schwarzwald besucht – dort kann man die wilde Schönheit des Waldes und die Magie der unberührten Natur erleben. Einfach schön!

    Vielen Dank für das Interview, liebe Xue, und Toi, toi, toi!

    Nathalia Schmidt

  • Alessandra Ferri in »L´Heure Exquise«

    Alessandra Ferri in »L´Heure Exquise«

    In unserer Reihe »Das Hamburg Ballett in Zahlen« veröffentlichen wir regelmäßig interessante Zahlen und Fakten rund um das Hamburg Ballett. Was verbirgt sich wohl hinter der heutigen Zahl?

    Während unseres Gastspiels in Baden-Baden gibt es ein Wiedersehen mit zwei in Hamburg bestens bekannten Tänzerinnen und Tänzern: Star-Ballerina Alessandra Ferri, für die John Neumeier die Rolle der Eleonora Duse in seinem Ballett »Duse« kreiert hat, sowie Carsten Jung, ehemaliger Erster Solist des Hamburg Ballett. Beide sind in Baden-Baden zu Gast und präsentieren heute Maurice Béjarts Ballett »L´Heure Exquise« im Theater Baden-Baden.

    Maurice Béjarts Ballett basiert auf dem Theaterstück »Glückliche Tage« von Samuel Beckett. Bei Beckett ist die Protagonistin zu Beginn bis zur Hüfte eingegraben. Bei Béjart ist die Protagonistin eine betagte Ballerina, die sich, in einen Berg ausgebleichter Spitzenschuhe gehüllt, an ihre großen Zeiten erinnert. Alessandra Ferri verkörpert diese Tänzerin, die unter über 2000 Spitzenschuhen begraben liegt.

    Foto: Alessandra Ferri in »L´Heure Exquise«.
    Copyright © Silvia Lelli.

    Fun Fact: Die Spitzenschuhe wurden vom La Scala Ballett, dem English National Ballet, dem Royal Ballet London und dem Hamburg Ballett gesammelt.

    Nathalia Schmidt

  • »The World of John Neumeier«-Festival: Eine Ballett-Werkstatt gibt den Auftakt

    »The World of John Neumeier«-Festival: Eine Ballett-Werkstatt gibt den Auftakt

    Das Hamburg Ballett gastiert vom 1. bis zum 10.10. in Baden-Baden. Den Auftakt machte gestern Abend eine von John Neumeier moderierte Ballett-Werkstatt, die nicht nur spannende Einblicke in die Produktionen gab, die während des diesjährigen Gastspiels im Festspielhaus gezeigt werden, sondern auch das Geheimnis eines neuen Festivals lüftete.
    © Kiran West

    Eine halbe Stunde vor dem Beginn des Ballett-Werkstatt konnte das Publikum die Compagnie bei einem öffentlichen Training auf der Bühne erleben.

    © Kiran West

    Punkt 20 Uhr betritt John Neumeier die Bühne und begrüßt das zahlreich erschienene Publikum. Seit 23 Jahren kommt er mit seiner Compagnie ins Festspielhaus. Gleich zu Anfang dann ein Paukenschlag: John Neumeier verrät, dass sich Baden-Baden ab Herbst 2022 in eine Tanzstadt verwandelt. Ein neues Festival mit dem Namen »The World of John Neumeier« soll Tanzfans aus aller Welt in den Schwarzwald locken.

    © Kiran West

    »Ich hatte nie Ambitionen, ein Impresario wie Serge Diaghilew zu sein. Dennoch finde ich es interessant, ein Festival in Baden-Baden zu kreieren, weil die Stadt einen besonderen Platz in meiner künstlerischen Entwicklung einnimmt«, so John Neumeier.

    © Kiran West

    Nach der Begrüßung durch John Neumeier folgte der erste Tanzausschnitt: Die international gefeierte italienische Ballerina Alessandra Ferri, die mit 50 Jahren in Comeback als Tänzerin feierte und seitdem ausgewählte, ihrem Alter entsprechende Rollen verkörpert, präsentiert auf Einladung von John Neumeier das Kammerballett »L´Heure Exquise« von Maurice Béjart im Theater Baden-Baden (zwei Vorstellungen am 2.10.). Ihr Partner ist Carsten Jung, ehemaliger Erster Solist des Hamburg Ballett und auch in Baden-Baden bestens bekannt. Viele im Publikum nicken zustimmend, als sein Name fällt.

    © Kiran West

    Ein Highlight folgt dem anderen: Eine »Gala-Werkstatt«, so nennt John Neumeier das heutige Programm. Schülerinnen und Schüler der Ballettschule des Hamburg Ballett sind am 4.10. im Museum Frieder Burda auf dem »Absprung« in die Ballettwelt. Sie zeigen teilweise preisgekrönte Choreografien in einem besonderen Ambiente. In einer spontanen Improvisation zur Musik von Queen reißen sie das Publikum fast von den Sitzen.

    Aus einer spontanen Improvisation entsteht im besten Fall eine Choreografie. Dieser Herausforderung stellten sich im »Corona-Jahr« Tänzerinnen und Tänzer der Ballettschule. Das Solo vom Ballettschüler Samuel Winkler, »Suppress«, gewann sogar den Preis für die beste Choreografie beim Young Creation Award 2021 des internationalen Tanzwettbewerbs Prix de Lausanne (siehe Foto).

    © Kiran West

    Das Bundesjugendballett, vor genau 10 Jahren von John Neumeier gegründet, ist ein Herzensprojekt von John Neumeier. Am 7. und 8. Oktober zeigen sie ihr Können auf der Akademie-Bühne im Stadtteil Cité. »John´s BJB-Bach«, eine Zusammenstellung von Ausschnitten aus ausgewählten Bach-Choreografien von John Neumeier. In der Ballett-Werkstatt tanzten sie »Opus 67« von Raymond Hilbert, denn auch dafür steht die Jugendcompagnie: Ballette von jungen Choreografinnen und Choreografen einzustudieren oder gar selbst Werke zu kreieren.

    © Kiran West

    In der Ballett-Werkstatt durften natürlich auch nicht Ausschnitte aus den beiden John Neumeier-Balletten fehlen, die in der zweiwöchigen Residenz des Hamburg Ballett im Festspielhaus Baden-Baden gezeigt werden. Anhand einzelner Szenen, zum Beispiel aus dem Beginn seines Balletts »Tod in Venedig«, erklärte John Neumeier dem Publikum, wie er mit einer literarischen Vorlage umgeht und sie in ein Ballett übersetzt. Bei Thomas Mann ist Gustav von Aschenbach ein viel geehrter Schriftsteller. John Neumeier macht in seinem Ballett aus dem Schriftsteller einen Choreografen. Im Buch und im Ballett ist Aschenbach ein kreativer Künstler, der in eine Schaffenskrise gerät.

    © Pressestelle

    John Neumeiers »Tod in Venedig« ist in großen Teilen in Baden-Baden entstanden. Noch vor der offiziellen Uraufführung in Hamburg, gab es hier im Festspielhaus eine Vor-Premiere. Im November 2003 gab es eine thematisch passende Ballett-Werkstatt dazu. Eine Schulklasse wurde zu dieser Werkstatt eingeladen und hat ihre Eindrücke in kurzen Essays aufgeschrieben. Charlaine aus der Klasse 4c war begeistert vom Tanz im Allgemeinen. »Es war auch sehr faszinierend, wie sie immer auf einem Bein und auch noch auf Zehenspitzen stehen konnten. Am liebsten tät ich jeden Tag dort hingehen«. Eine passende Zeichnung schickte sie Herrn Neumeier dazu.

    © Kiran West

    Als nächste Beispielszene aus seinem Ballett »Tod in Venedig« wählt John Neumeier die der beiden Wanderer aus. Diese fast irreal anmutenden Figuren tauchen im gesamten Stück immer wieder auf, in unterschiedlichen Kostümierungen, aber ihre Wirkung auf Aschenbach ist immer wieder die gleiche: Sie scheinen eine Art Todesboten zu sein, die Aschenbach in eine bestimmte Richtung lenken und sein Schicksal bestimmen.

    © Kiran West

    Das Publikum bekam auch einen Einblick von der zweiten Besetzung, die am Sonntagabend in »Tod in Venedig« tanzen wird. David Rodriguez debütiert am Sonntag in der Rolle des Tadzio. An seiner Seite tanzt Edvin Revazov als Gustav von Aschenbach. Bei der Kreation von John Neumeiers Ballett in 2003 war Edvin Revazov als Tadzio zu sehen.

    © Pressestelle

    David aus der damaligen Klasse 4 (im November 2003) spricht über die erste Begegnung zwischen Tadzio und Aschenbach in Venedig: »Als Tadzio mit seiner Hand langsam wie in Zeitlupe liebevoll Aschenbach heraufzog, spürte ich ein gleiches Gefühl wie Aschenbach. Sehnsucht!«

    © Kiran West

    Nach zwei Stunden reinem Tanzvergnügen und einer charmanten Moderation durch John Neumeier gab es rasenden Beifall und Bravo-Rufe für die Tänzerinnen und Tänzer und John Neumeier sowie Standing Ovations.

    © Kiran West

    In Worten des Schülers Alessio, der 2003 eine Ballett-Werkstatt zum »Tod in Venedig« mit seiner Schulklasse besucht hat: »Ich muss Ihnen was sagen, Herr Neumeier: Sie sind ein prima Choreograph! Ich hoffe ich sehe Ihre Kunstwerke mal wieder«.

    Nathalia Schmidt

  • Christopher Evans ist Gustav von Aschenbach

    Christopher Evans ist Gustav von Aschenbach

    Der Erste Solist Christopher Evans wird bei der Wiederaufnahme von John Neumeiers »Tod in Venedig« die Hauptrolle Gustav von Aschenbach erstmals auf der Bühne tanzen. Mitten in den Endproben nimmt er sich Zeit und spricht mit mir über sein Debüt:

    Am 29. Oktober 2020 sehen wir dich zum ersten Mal als Gustav von Aschenbach in der Wiederaufnahme von John Neumeiers »Tod in Venedig«. Die Rolle von Aschenbach wurde 2003 von Lloyd Riggins kreiert und entscheidend geprägt. Wie fühlt es sich an, in seine Fußstapfen zu treten?

    Christopher Evans: Lloyd Riggins‘ Rollen sind herausfordernd und sehr komplex. Es ist wunderbar für einen Künstler! Das erste Mal, dass ich wirklich eng mit Lloyd zusammengearbeitet habe, war, als ich meine erste Hauptrolle als Albrecht in »Giselle« getanzt habe. Und von da an haben wir gemeinsam bereits an vielen Balletten gearbeitet. Am bemerkenswertesten war die Zusammenarbeit in »Bernstein Dances«! Es war das erste Mal, dass Lloyd diese besondere Rolle des Leonard Bernstein wirklich weitergab. Und jetzt »Tod in Venedig«! Wir arbeiten sehr gut zusammen.

     Lloyd Riggins gibt die Schritte und seine Erfahrungen an Christopher Evans weiter © Kiran West

    Thomas Mann nannte seine Novelle die »Tragödie einer Entwürdigung«: Im Mittelpunkt steht Gustav von Aschenbach, ein alternder Künstler, dessen scheinbar gefestigter Charakter nie gekannte Wandlungen erfährt und schließlich in vollkommener Hingabe mündet. Wie bereitest du dich auf die ebenso charaktervolle wie seelentiefe Rolle des Aschenbach vor?

    Ich recherchiere gerne, um herauszufinden, wer der Charakter für mich ist. Ich las das Buch und hörte mir alles an, was John Neumeier und Lloyd Riggins mir über Thomas Mann und Gustav von Aschenbach erzählt haben. Ich analysiere die Szenen und Situationen im Ballett und denke darüber nach, wie ich reagieren würde, wenn ich Aschenbach wäre. Unter Berücksichtigung meiner persönlichen Lebenserfahrungen kann ich mich so ehrlich wie möglich in diese Person verwandeln.

    Christopher Evans als Gustav von Aschenbach in »Tod in Venedig« © Kiran West

    Was kanntest du zuerst, das Buch, Viscontis Filmversion oder John Neumeiers Ballett?

    Ich sah zuerst John Neumeiers Ballett.

    Es ist eine interessante Geschichte, denn nachdem ich 2010 einen Preis beim Prix de Lausanne gewonnen hatte, wusste ich nicht, an welcher Ballettschule ich studieren sollte.

    Ich wollte in eine Schule gehen, die auch eine Compagnie hat, damit ich eine bessere Chance hätte, einen Vertrag zu bekommen. Ich fand ein Video von John Neumeiers »Die Kameliendame« und auch ein Video von seinem »Tod in Venedig« im Internet. Es waren diese beiden Ballette, die mich dazu gebracht haben, Tänzer beim Hamburg Ballett zu werden. Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Rolle des Armand in »Die Kameliendame« an der Seite von Olga Smirnova vom Bolschoi-Theater zu tanzen. Und jetzt werde ich dieses Jahr Aschenbach verkörpern!

    Es ist interessant, wie sich das Leben manchmal entwickelt. Ich fühle mich einfach so glücklich!

    Vielen Dank für das Interview, lieber Christopher, und Toi, Toi, Toi!

    Ihr wollt mehr über Christopher Evans erfahren? Schaut euch seinen Steckbrief an!

    Nathalia Schmidt

  • Atte Kilpinen ist Tadzio

    Atte Kilpinen ist Tadzio

    John Neumeiers Ballett »Tod in Venedig« kommt am 29. Oktober 2020 nach 5 Jahren zurück auf die Bühne. Atte Kilpinen, gerade frisch aus Finnland hergezogen, ist seit Beginn der Saison 2020/21 Tänzer beim Hamburg Ballett und unser neuer Tadzio. Anlässlich seines großen Debüts beantwortet er meine persönlichen drei Fragen:

    Wie hast du dich auf die Rolle des Tadzio vorbereitet?

    Atte Kilpinen: Ich habe versucht, meine eigene Kindheit in Erinnerung zu rufen und mich daran zu erinnern, wie es war, als ich jung war. Es gab glückliche und sicher auch einige traurige Momente, darüber habe ich viel nachgedacht.

    John Neumeier hat viel darüber gesprochen, wie ich Tadzios Solo tanzen kann. Tadzio ist einfach ein Junge, der mit einer unbeschwerten Leichtigkeit die Welt erkundet. Man denkt da sofort an seine eigene Kindheit. Wie viele unterschiedliche Ideen hatte man doch als Kind! An einem Tag beschäftigt man sich noch mit Flugzeugen, an einem anderen Tag kommt einem eine noch viel bessere Idee. Wenn ich den Tadzio tanze, versuche ich genau dieses Gefühl, diese Unbeschwertheit, wieder zurückzubekommen. Jetzt wo man erwachsen ist, trägt man auch eine gewisse Verantwortung mit sich, selbst wenn ich mich noch als Kind fühle. Es ist schön, eine Rolle verkörpern zu können, in der man wieder einfach nur Kind sein kann. Das macht mir großen Spaß! 

    Natürlich habe ich auch Thomas Manns Novelle gelesen und die Verfilmung von Visconti gesehen – das alles dient als Inspiration.

    Atte Kilpinen und Christopher Evans, hier mit Ballettmeister Lloyd Riggins, bei den Proben zu »Tod in Venedig« © Kiran West

    Was kannst du aus den Proben mit John Neumeier berichten? Gab es für dich auch die Gelegenheit mit Edvin Revazov, für den die Rolle des Tadzio ursprünglich von John Neumeier kreiert worden ist, zu arbeiten?

    Es ist unglaublich, John Neumeier bei den Proben dabei zu haben. Es fühlt sich für mich immer noch unwirklich an, ein Teil des Hamburg Ballett zu sein und sogleich diese Chance zu bekommen, diese wunderbare Rolle zu tanzen! Mit John Neumeier zu proben ist schön und sehr inspirierend. Tadzios Solo hat er durch seine eigenen Erinnerungen geschaffen, noch heute hat er alle Schritte, die damit verbundenen Ideen in seinem Kopf und gibt diese nun an mich weiter.

    Es war sehr entscheidend für meinen Zugang zu der Rolle, dass John Neumeier persönlich noch einmal in seinen Worten den Charakter von Tadzio und die Entstehung dieser Rolle beschrieben hat. Er hat mir über seine eigene Kindheit erzählt und von bestimmten Situationen und Gefühlen, an die er sich zurückerinnert. Aber er möchte nicht, dass ich die Rolle des Tadzio durch seine Erinnerungen tanze, ich tanze es durch meine eigenen. Es brauchte jedoch diese Worte von John, um eine Verbindung zur Rolle zu finden. Er hat mich dazu angeregt, über meine eigene Kindheit nachzudenken und meine eigenen Emotionen in die Rolle einzubringen. Es war toll!

    Atte Kilpinen mit Christopher Evans bei den Proben zu »Tod in Venedig« © Kiran West

    Edvin war bei den Proben fast immer dabei, weil er die Rolle des Gustav von Aschenbach lernt. Er hat mir gezeigt, wie ich einzelne Schritte ausführen kann und in welchen Momenten ich bei der Bewegung etwas freier sein kann, einfach mehr Kind. Es gibt da zum Beispiel ein Pas de deux mit Aschenbach. Tadzio ist eigentlich nicht wirklich da, was wir hier sehen, spielt sich in Aschenbachs Kopf ab. In Wirklichkeit sucht Tadzio nur nach seinen Freunden am Strand. Mit Edvin darüber zu sprechen, wie er den Tadzio interpretiert, seine Erfahrungen zu hören, war eine große Hilfe!

    Eine letzte persönliche Frage: Wie und wann kamst du zum Tanz?

    Ich war sechs oder sieben Jahre alt und brauchte ein Hobby, weil ich als kleines Kind so viel Energie hatte! Meine Familie und ich mussten etwas finden und so kam es dazu, dass ich zum ersten Mal eine Stunde in einer Tanzschule besucht hatte. Und das ist es, nach dieser Stunde hat mich das Tanzen nie wieder losgelassen!

    Vielen Dank, lieber Atte, für das Interview und Toi, Toi, Toi!

    Nathalia Schmidt