Als BallettTester:innen durften Iva und Benjamin unsere Premiere des Ballettabends FAST FORWARD bereits in der Hauptprobe erleben. Hier erzählen sie von ihren Erlebnissen und Eindrücken.
Am Montag, 16. Februar, hatte ich die einzigartige Möglichkeit, die vier Stücke des Ballettabends FAST FORWARD vor offiziellem Beginn am Wochenende zu sehen. Ich habe mich nachmittags im Foyer mit den anderen beiden Teilnehmern und Nathalia, unserer Ansprechpartnerin, getroffen. Die Hauptprobe der Stücke konnten wir von tollen Plätzen im Parkett mitverfolgen. Es war sehr faszinierend zu sehen, wie viele Menschen daran beteiligt sind, dass eine Vorstellung reibungslos abläuft. Neben den Choreograf:innen waren Zuständige für Licht- und Sounddesign und viele andere Menschen anwesend. Die Stücke von FAST FORWARD nehmen die Zuschauer:innen auf eine Zeitreise und stehen nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch stark im Kontrast zueinander.

Der Abend begann mit einer Probe von »Serenade« von George Balanchine. Ich war besonders beeindruckt von den kunstvollen Gruppenformationen, welche die Tänzerinnen in romantischen Röcken bildeten. Die ganze Bühne war blau beleuchtet, ebenso wie die Tänzerinnen in sanftem Blau gekleidet waren. Ich mochte am liebsten die vielen kleinen Sprünge und die ausdrucksvollen Arme. Die Struktur des Stücks hat mir auch gut gefallen, mit vielen Parallelen zur Anfangsformation.
Der »Totentanz« hingegen hatte eine ganz andere Atmosphäre. Die Stimmung war sehr düster und wurde auch durch die Beleuchtung reflektiert. Die Bühne war zum Großteil in Schatten gehüllt und am Anfang des Stücks nur durch eine hängende Neonleuchte erhellt. Es war sehr faszinierend zu sehen, wie das Licht vom Team angepasst wurde, um den richtigen Effekt zu erzielen. Auch die Musik hat zu der unheimlichen Stimmung beigetragen. Am Anfang hat man eine Art Herzschlag gehört, welcher weiter Spannung aufgebaut hat. In der Choreografie gab es viele Bewegungen, die fast unmenschlich aussahen und das Thema des Sterbens und der Zeit nach dem Tod wieder aufgegriffen haben. In der zweiten Hälfte haben die Tänzer:innen ihre Toten-Umhänge zurückgelassen. Das Licht der Scheinwerfer hat beim Tanzen die Bewegungen der Muskeln hervorgehoben und somit einen flüchtigen Moment der Lebendigkeit erzeugt. Besonders im Kopf geblieben ist mir auch eine Formation Richtung Ende des Stückes. Die drei Tänzer:innen waren nebeneinander nach Größe geordnet und haben sich fast umarmt. Es war ein Atemzug der Ruhe, bis die Spannung wieder aufgenommen wurde.

Das dritte Stück »Annonciation« handelt von Maria und dem Engel Gabriel. Es wurde mit zwei Besetzungen geprobt, was hieß, dass wir das Stück zweimal sehen durften. Mir hat das sehr geholfen, weil ich teilweise doch Schwierigkeiten habe, der Geschichte eines Stückes vollkommen zu folgen. Beim zweiten Durchgang konnte ich so Details wahrnehmen, die ich beim ersten Mal verpasst habe. Besonders faszinierend fand ich, dass es Teile der Choreografie gibt, die in Stille getanzt wurden. Dies führte natürlich dazu, dass man manchmal leises Atmen und Schritte der Tänzerinnen hören konnte. Mir hat das sehr gut gefallen, weil ich finde, dass dies ein einzigartiger Teil von Live-Aufführungen ist, welcher auf Aufnahmen meist nicht wahrgenommen werden kann.

»The Moon in the Ocean« ist ein neues Stück von Xie Xin. Als ich da war, wurde es leider nicht vollständig getanzt. Dafür habe ich einen kleinen Einblick in den Probenprozess bekommen. Die Choreografin ist zusammen mit den Tänzer:innen die Szenen einzeln durchgegangen und hat letztes Feedback gegeben. Besonders toll fand ich die sanften und fließenden Bewegungen der Tänzer:innen. Als Gruppe haben sie wie Wellen im Wasser ausgesehen. Getanzt wurde auf einem silbernen, reflektierenden Boden. Die Kostüme in verschiedenen Blautönen haben mich sehr an den Mondschein bei Nacht auf stillem Wasser erinnert, ohne Zweifel eine Parallele zum Namen des Stückes.
Mir hat der Abend sehr gut gefallen. Es war unglaublich, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können und diese wunderbaren Stücke schon etwas früher zu sehen.
Iva, 18 Jahre

»Serenade« von George Balanchine beeindruckt mit einem extrem schönen, intensiven Blau, das die Bühne in eine fast zeitlose Atmosphäre taucht. Die Bewegungen wirken teilweise kitschig und altbacken, zugleich aber sehr ästhetisch – man spürt deutlich, dass es das älteste Ballett des Abends ist. Trotz der etwas leisen Musik überzeugt die Aufführung durch eine außergewöhnlich präzise ausgeführte Choreografie und beeindruckende Synchronizität im Ensemble. Auch die Kostüme fügen sich stimmig ins Gesamtbild ein und unterstreichen die geschlossene, klassische Wirkung des Stücks.
Das Stück »Totentanz« von Marcos Morau lebt von einem starken Aufbau: Die musikalische Begleitung sowie die Bewegungen werden je länger je intensiver, untermalt durch die Lichtinszenierung. Überhaupt sind die Lichtstimmungen gelungen und tragen die Atmosphäre überzeugend. Insgesamt überzeugt besonders der dramaturgische Aufbau, der sich konsequent steigert und den Totentanz in eine dichte, immersive Gesamtwirkung führt. Die Musik könnte noch »glitchiger«, zerrissener werden, mit weniger klar erkennbaren Sounds, sodass eine diffuse, fast entrückte Klangwelt entsteht. Für meinen Geschmack könnte noch mehr Haze eingesetzt werden, um die Atmosphäre zu intensivieren. Gerade am Anfang wirkt der visuelle Auftritt des Mikrofons noch zu wenig definiert – hier könnte eine präzisere, aber dennoch fragile Präsenz den Einstieg deutlicher machen.

»Annonciation« von Angelin Preljocaj überzeugt mit einer sehr gut »glitchigen«, elektronisch aufgeladenen Musik und einem stimmigen Bühnenbild. Gleichzeitig bleibt manchmal unscharf, wann Sound bewusst eingesetzt wird und wann nicht – plötzliche Momente der Stille erscheinen stellenweise ohne klar erkennbaren Bezug, zudem wirken einige Fades im Sound etwas zu schnell. Einzelne Klänge erinnern fast an Star Wars-artige Sounds und sind dadurch etwas zu eindeutig, nicht ganz eigenständig in ihrer Wirkung. Der Tanz selbst ist jedoch äußerst ausdrucksstark und intensiv, auch wenn das Licht stellenweise schärfer gesetzt sein könnte. Trotz dieser Punkte entstehen eindrucksvolle Gänsehautmomente, die lange nachwirken und machen dieses Stück zum Highlight des Abends.
Der Abend hält, was er verspricht und bietet einen interessanten und unterhaltsamen Überblick über 90 Jahre Ballettgeschichte und ist auch für Einsteiger zugänglich.
Benjamin, 28 Jahre
* Anm. d. Red.: Xie Xins »The Moon in the Ocean« konnte von Benjamin nicht mehr getestet werden, um den Nachtzug zurück nach Zürich zu bekommen.

