Sonja Tinnes ist Choreologin des Hamburg Ballett. Seit 25 Jahren begleitet sie die Kreationsphasen der Ballette von John Neumeier und verwandelt die Bewegungen im Raum in lesbare Zeichen auf Papier. Sie notiert die Schritte, Sprünge, Drehungen, Hebungen, aber auch die Intention, Gefühle und Hintergründe, die John Neumeier seinen TänzerInnen bei der Kreation in Worten erklärt. Anlässlich der Uraufführung von »Die Glasmenagerie« hat sie mit mir über ihre Arbeit gesprochen.
Mit der Uraufführung von »Die Glasmenagerie« am 1. Dezember blickt Sonja auf 25 Jahre Zusammenarbeit mit John Neumeier zurück: 1994 kam sie zum ersten Mal zum Hamburg Ballett, um im Rahmen ihrer Ausbildung den 2. und 3. Satz der Kreation von John Neumeier zur 9. Sinfonie von Gustav Mahler zu notieren – eine Winterpremiere, wie »Die Glasmenagerie«.
Das Handlungsballett nach Tennessee Williams‘ Schauspiel ist die 40. Kreation von John Neumeier, die Sonja begleitet und notiert. Sie sitzt im Ballettsaal neben dem Choreografen und versucht alles aufzuschreiben, was in dem Moment entsteht. Dabei achtet sie besonders darauf, an welcher Stelle in der Musik die Schritte und Bewegungen liegen. »Für John ist im Prozess der Kreation besonders wichtig, dass da jemand ist, der ihm sagen kann, wo wir gerade musikalisch gesehen sind.« Damit bei Wiederholungen nicht immer von vorne angefangen werden muss, schreibt Sonja Ankerpunkte in Choreografie und Musik auf, an denen man sich orientieren kann.
Es kommt auch vor, dass John Neumeier bestimmten Schrittfolgen einen erfundenen assoziativen Namen gibt. In Sonjas Notation zu einer Szene in »Die Glasmenagerie« stehen dann Begriffe wie »Sausage Roll«. »Das ist eine gute Gedankenstütze für mich und die Ballettmeister«, erklärt sie mir.
Manche Sequenzen könne sie im Moment der Kreation gut minimalistisch mitschreiben. So beispielsweise die sogenannte »Crossfire-Sequenz« in der Schuhfabrik-Szene aus »Die Glasmenagerie«, in der die Tänzer Schuhkartons hin und her werfen. Für die Kreations- und Probenphase reicht es, dass Sonja die Formation skizziert und mit Hilfe von Pfeilen aufzeichnet, wie die Kartons und Schuhe innerhalb der Formation geworfen werden: »Ich habe die einzelnen Elemente, die in dieser Sequenz vorkommen und schreibe dann nur noch auf, in welcher Reihenfolge sie passieren.«
Nach der Uraufführung wird sich Sonja an den Schreibtisch setzen und die fertige Choreografie als Partitur »schön schreiben«. Zur Hilfe nimmt sie dann auch die Filmaufnahmen, die sie vor allem während der Endproben angefertigt hat. »Wenn ich die Partitur schreibe, dann schreibe ich alle Systeme – jede einzelne Bewegung von jedem einzelnen Tänzer – von vorne bis hinten auf die Musik, also immer zum dazugehörigen Takt.« Ihre Tanzpartitur sieht am Ende aus wie eine Orchesterpartitur: Jede/r TänzerIn bekommt eine eigene Zeile, diese stehen übereinander und sind in die entsprechenden Takte der dazugehörigen Musik gegliedert. Gruppenszenen, wie die »Crossfire-Sequenz«, in denen viele Tänzer gleichzeitig unterschiedliche Schritte tanzen, sind in der Partitur daher sehr aufwendig zu notieren und nehmen viel Platz ein.
Obwohl sie nach 25 Jahren und 42 geschriebenen Tanzpartituren schon reichlich Erfahrung gesammelt hat, wird ihr die Aufgabe nie langweilig: »Es ist ein wirklich toller und interessanter Job! Man lernt immer etwas Neues über Musik und Theater. Gerade bei der ›Glasmenagerie‹: Es ist für John ein wichtiges Stück und er hat sehr lange darauf hingearbeitet. Er hat zwar eine persönliche Choreografie-Handschrift, aber auch für dieses Ballett wieder eine ganze eigene Tanz-Sprache für die Charaktere gefunden.«
Vielen Dank für den interessanten Einblick in deine Arbeit als Choreologin, liebe Sonja!
Zwei Schülerinnen der Erika Klütz Schule für Tanzpädagogik besuchten in dieser Woche eine Bühnenprobe zur Premiere des Ballettabends »Shakespeare – Sonette«. Geprobt wurde der erste Teil des Abends. Für unseren Blog haben Linn und Sophie ihre Eindrücke aufgeschrieben.
Als
Schülerinnen und Schüler der Erika Klütz Schule hatten wir am 12. Juni wieder
das Privileg, bei einer Probe des Hamburg Ballett in der Staatsoper zuzugucken.
Diesmal sahen wir die erste Hälfte des Stückes »Shakespeare – Sonette«. Als wir
abgeholt wurden, waren wir erfreut, nicht durch das Foyer zu gehen, sondern den
Bühneneingang nutzen zu dürfen. Es war sehr spannend zu erleben, wie es ist,
den Saal über die Bühne zu betreten. Als wir aus dem Treppenhaus auf die
Hinterbühne traten, sahen wir als erstes Edvin Revazov beim Aufwärmen. Sonst
sieht man Edvin Revazov als Ersten Solisten auf der Bühne tanzen, bei diesem
Ballettabend hat er jedoch die Seiten gewechselt. Als Choreografen haben Edvin
Revazov, Marc Jubete und Aleix Martínez zusammen an dem Ballettabend
gearbeitet. Edvin hatten wir nun schon entdeckt, Marc Jubete und Aleix Martínez
konnten wir vom Rang aus auch schnell finden.
Zwei Tänzer kamen nacheinander auf die Bühne und probierten einige Tanzschritte vor einem schwarzen Vorhang aus. Ich war sehr erstaunt zu sehen, wie modern die Schritte waren. Marc Jubete begrüßte beide und klärte einige Feinheiten der Hebungen, dabei konnten wir verstehen, dass sie Englisch sprachen. Auf die Anordnung von Aleix Martínez wurde der schwarze Vorhang hochgezogen und die komplette Bühne wurde sichtbar, immer mehr Tänzer betraten die Bühne. Es gab drei große Schaukästen auf Rollen, die von jüngeren Tänzern bewegt wurden. Die richtige Position der Kästen wurde von Aleix Martínez und Edvin Revazov geklärt, dann wurde alles mit den anderen Tänzern und zu Musik probiert.
Während der gesamten Zeit fiel mir auf, dass einige Tänzer barfuß waren oder in Socken und einige Tänzerinnen Spitzenschuhe trugen. Als sie dann anfingen zu tanzen, war ich angenehm überrascht, dass die Choreografie tatsächlich moderner war. Ich hatte mich vorher nicht mit dem Thema der Choreografie und den Choreografen beschäftigt, um unvoreingenommen das Stück zu sehen, und wurde deshalb davon überrascht, kein klassisches Ballett zu sehen, trotz der verwendeten Spitzenschuhe. Die Probe begann nun richtig und alles wurde auf Anweisung von Aleix Martínez auf Anfang gestellt. Die Choreografie packte mich sofort und ich wurde richtig aus dem Stück gerissen, als die Probe zum ersten Mal unterbrochen wurde.
Das Geschehen auf der Bühne ist kaum zu beschreiben, weil man einfach so viel sehen konnte und es sehr viele Tänzer waren. Im Nachhinein konnte man klar erkennen, welche Abschnitte der Choreografie von welchem Choreografen waren. Doch während man geguckt hat, ging alles so ineinander über, dass es ein rundes Bild ergab. An einigen Stellen wurden Ausschnitte aus den Shakespeare-Sonetten vorgelesen, das hat mich zusammen mit dem Tanz und der Musik sehr berührt. Ich möchte gar nicht so viel von dem Geschehen auf der Bühne erzählen, ich kann nur sagen, dass ich begeistert bin von der Choreografie und der Musikauswahl und mich sehr auf die Aufführung freue, um dann alles komplett und mit Kostüm und Licht zu sehen.
Bericht von Linn, Schülerin der 1. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik.
Als meine
Mitschülerin und ich am Mittwoch durch den Bühneneingang der Hamburgischen
Staatsoper zur Bühne geführt wurden, war ich total fasziniert, den Tänzern des
Hamburg Ballett so nah zu sein. Wir haben dort bekannten Gesichtern, wie zum
Beispiel einem der drei Choreografen, Edvin Revazov, beim Aufwärmen zugeschaut.
Man konnte auch schon einen Teil des Bühnenbildes sehen. Wir setzten uns in den
1. Rang, um das Treiben auf der Bühne zu beobachten.
Von dort oben konnte man nur einen Teil der Bühne erkennen, da der hintere Teil durch einen schwarzen Vorhang getrennt wurde. Davor übten zwei Tänzer ihr Pas de deux, nach einiger Zeit kam der Choreograf Marc Jubete dazu und gab ihnen noch schnell ein paar Anweisungen auf Englisch. Als sie nach ein paar Minuten fertig waren, wurde der schwarze Vorhang hochgezogen und zum Vorschein kam das gesamte Bühnenbild, welches wir zuvor schon in Teilen gesehen hatten. Es kamen immer mehr Bühnenarbeiter und Tänzer auf die Bühne, unter anderem auch Schüler der Ballettschule des Hamburg Ballett John Neumeier.
Es erinnerte etwas an einen Marktplatz, da jeder etwas anderes machte, sie sahen sehr beschäftigt aus. Während der Zeit versammelten sich die Choreografen auf den roten Sitzen im Zuschauerraum. Ein paar Tänzer stellten sich auf ihre Position und übten zu Musik einen sehr modern aussehenden Tanz. Als sie fertig waren, sagte Aleix Martínez über ein Mikrofon, dass es losgehen kann. Nun begann die eigentliche Probe. Es kehrte Ruhe ein und die Musik begann vom Band zu spielen.
Man erkannte
keinen wirklichen handlungstechnischen Zusammenhang zwischen den Stücken der
drei Choreografen, trotzdem passten ihre Kreationen sehr gut zusammen, auch
wenn die Stile der drei Künstler durchaus unterschiedlich waren. Man erkannte
das zum Beispiel an der Musik, welche mal melancholisch, mal traurig oder auch
mal etwas lockerer war. Auf jeden Fall treffen dort verschiedene Zeitalter der
Musikgeschichte aufeinander.
Einige Tänzer trugen bereits ihre Kostüme. Besonders die Schuhauswahl ist außergewöhnlich, zum Teil wurde auf Socken oder barfuß getanzt. Es gab Schuhe, die ein hohes Plateau hatten, das farblich an Knochen erinnerte, auf denen die Tänzer standen. Andere Tänzerinnen hatten Absatzschuhe an, vier Tänzerinnen trugen aber auch ganz klassische Spitzenschuhe. Jeder der drei Choreografen hatte seine eigenen kreativen Ideen. Etwas, dass ich auch interessant fand, war, dass ein paar Tänzerinnen und Tänzer in Tüchern getanzt haben, in denen man ihre Gesichter nicht sehen konnte. Dadurch haben ihre Bewegungen noch einmal komplett anders ausgesehen und sie waren gezwungen, mit ihren Bewegungen die Mimik zu ersetzen. Es wurde generell sehr viel mit zum Tanz passenden Masken gearbeitet, um die Gesichter der Tänzer zu verhüllen.
Die Tänze der Choreografen sind besonders interessant, sie wurden von den Tänzerinnen und Tänzern schon in der Probe wunderschön umgesetzt. Immer zur Musik passend war es ein Wechsel zwischen schnellen, fließenden und stockenden Bewegungen. Auf der Bühne wusste man gar nicht, wo man als nächstes hinschauen sollte, weil überall etwas Interessantes geschah. Alle Anwesenden arbeiteten sehr professionell und konzentriert. Wenn einer der Choreografen etwas über das Mikrofon sagte, wurde dies sofort umgesetzt.
Obwohl ich
nur eine Probe des Hamburg Ballett gesehen habe, war ich trotzdem begeistert
von den Kreationen der Choreografen. Es war auf jeden Fall sehr interessant,
eine Bühnenprobe von »Shakespeare – Sonette« mitzubekommen, und ich bin sehr
gespannt, wie die Darbietung am Ende in ihrer Gesamtheit wirken wird.
Bericht von Sophie, Schülerin der 1. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik.
Mitte März bricht das Hamburg Ballett zu einer Gastspielreise nach Hongkong und Peking auf. Im Gepäck: Die Ballette „Der Nussknacker“, „Die Kameliendame“, „Beethoven-Projekt“ und die Gala „The World of John Neumeier“. Um die vier unterschiedlichen Programme in beiden Städten zeigen zu können, reisen neben 133 Mitarbeitern auch jede Menge Requisiten, Kostüme und technisches Equipment mit. Damit alles rechtzeitig und unversehrt ankommt, wird in Hamburg und München aufwendige logistische Vorarbeit geleistet. Simone Krammer vom Logistikpartner HEED! aus München hat uns Fragen zum Planungsprozess des Gastspiels beantwortet.
Kleider, Röcke, Hosen und
Schuhe. Perücken, Schnurrbärte, Hüte und Schmuck. Vorhänge, Werkzeug, Schwingboden
und meterweise Kabel machen sich für das Gastspiel nach Hongkong und Peking auf
den Weg. Manches Equipment wird schon Monate vorher mit Containerschiffen
transportiert. 11 Container werden dafür beladen. Anderes wird mit kürzerem
Vorlauf per Luftfracht verschickt. Um Bühnenbild, Requisiten, Technik & Co
überhaupt nach Hongkong und Peking einführen zu können, ist die vorherige
Anfertigung eines sogenannten Carnet A.T.A. (Carnet ist das französische Wort
für Heft, A.T.A. steht für »Admission Temporaire / Temporary Admission«) notwendig.
Simone Krammer von HEED! erklärt: »Das Carnet ist ein Zollpassierscheinheft und
regelt die Ein- und Ausfuhr von Gebrauchsgegenständen, die das Gastspielland
nach Ende der Tournee wieder verlassen werden. Es listet in unserem Fall also
alle 3521 Posten auf, die die Compagnie nach Hongkong und Peking begleiten. Der
Vorteil eines solches Carnets: Am Zoll werden keine Gebühren für die Einfuhr
der Waren fällig, auch die Abfertigung an den Grenzen erfolgt schneller.«
Um das Carnet A.T.A. zu
erstellen, benötigt der Logistikpartner detaillierte Listen aller zu
transportierender Gegenstände. Alle Abteilungen des Hamburg Ballett sind
gefragt: Technik, Requisite, Maske, Kostümmitarbeiter listen auf, was sie für
das Gastspiel und die vier unterschiedlichen Ballette mitnehmen. Dazu müssen
sie genaue Angaben zu Anzahl, Größe, Gewicht und Material der Ware machen. Die Warenliste
allein reicht aber noch nicht aus. Alle Gegenstände, die keine Seriennummer
haben, über die sie eindeutig zugeordnet werden können, müssen außerdem
fotografiert werden. Denn viele der Gegenstände sind mit spezifischen Begriffen
aus dem Ballett versehen – und welcher Zöllner kann sich ohne Foto schon
vorstellen, was mit dem »Blumenwalzer-Kleid« oder dem Hut der »Betrunkenen
Tante« gemeint ist.
Fotos der Kostümteile für das Carnet
Der Logistikpartner
übernimmt dann die Erstellung und korrekte Formatierung der Listen und
kontrolliert die eindeutige Nummerierung, Beschriftung und Zuordnung der Fotos,
die ebenfalls Teil des Carnets werden. »Mit dieser Arbeit sind wir ungefähr
zwei Tage beschäftig«, sagt Simone Krammer. In unserem Fall ist das Carnet am
Ende über 800 Seiten lang und 15 cm dick geworden. Insgesamt 3521 verschiedene
Posten enthält die Liste. Dabei kommen interessante Zahlen zum Vorschein: Wer
hätte gedacht, dass man für ein Ballettgastspiel 56 falsche Schnurrbärte
benötigt?
Ausschnitte des Carnets
Aus den Warenlisten ergibt
sich auch der Gesamtwert der Fracht, der für den Transport abgesichert werden
muss. Der Warenwert wird von der zuständigen Industrie- und Handelskammer
überprüft. Die IHK eröffnet anschließend auch das offizielle Carnet-Dokument, HEED!
sendet es per Kurier nach Hamburg, von wo aus die Verladung des
Gastspiel-Equipments stattfindet. Bevor sich die Ladung auf den Weg nach
Hongkong und Peking machen kann, ist noch eine sogenannte Zollbeschau notwendig.
Simone Krammer erklärt: »Wir beantragen und stimmen den Termin der Zollbeschau mit
dem Zollamt ab. Der Zöllner kontrolliert dabei vor Ort die Ware und vergleicht
sie mit dem Carnet. Generell hat der Zoll jederzeit die Möglichkeit, jedes Teil
der Fracht zu kontrollieren. Aber bei so einer großen Menge an Kleinteilen wird
meist nur stichprobenartig kontrolliert, ob die Ware mit dem Carnet
übereinstimmt. Der Zöllner stempelt anschließend den Export aus Deutschland ab,
dann darf sich das Equipment per See- oder Luftfracht auf den Weg machen.«
Kostümfotos aus dem Carnet
Unsere Ladung ist in Bezug
auf das Freigabeverfahren unkompliziert. Für bestimmte Fracht gibt es aber
Sonderregelungen: »Gefahrengut muss man natürlich separat anmelden und
kennzeichnen«; erläutert Simone Krammer. »Das trifft auf unsere Ladung aber
nicht zu. In manchen Ländern muss man bspw. für Requisitenwaffen sogenannte
Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausfüllen, die bestätigen, dass es sich nur um
Attrappen handelt.« Das Holzgewehr für das Ballett »Beethoven-Projekt« wird deswegen
im Carnet eindeutig mit dem Zusatz »Toy« und dem Hinweis »Not a weapon«
gekennzeichnet.
Während der kompletten Reise begleitet das Carnet die Ware, bei jedem Wechsel in ein anderes Land muss das Dokument vom Zoll abgestempelt und freigegeben werden. Und am Ende des Gastspiels? »Zurück in Deutschland muss wiederum der Re-Import bestätigt werden. Sobald der Zoll in Deutschland die Sendung für den Re-Import freigegeben hat, dürfen wir die Ware wieder in Hamburg zustellen.«
Zwei Klassen der Erika Klütz Schule für Tanzpädagogik besuchten in der vergangenen Woche Bühnenproben zur Premiere des Ballettabends »Brahms/Balanchine«. Geprobt wurde der zweite Teil des Abends, Balanchines Choreografie »Brahms-Schoenberg Quartet«. Paulina hat ihre Eindrücke für uns aufgeschrieben.
»Der Choreograf hat sich von den Grenzen der realen Zeit zu lösen, so wie sich der Tänzer von seiner Körperschwere gelöst hat.« George Balanchine
Wir, die Schüler und Dozenten der Erika Klütz Schule, durften genau dieses Phänomen, »sich von den Grenzen der realen Zeit zu lösen«, erleben. Am vergangenen Mittwoch hatten wir das große Privileg, bei einer Bühnenprobe des »Brahms-Schoenberg Quartet« von George Balanchine in der Hamburgischen Staatsoper zuzuschauen – dem zweiten Teil des Ballettabends »Brahms/Balanchine« des Hamburg Ballett.
Am Mittwochvormittag sind wir somit die einzigen Zuschauer in der großen Staatsoper. Als wir den Saal betreten, ist bereits viel los auf der Bühne: Die Tänzer machen sich in ihrer Trainingskleidung an den Seiten warm, proben unter Anleitung von Ballettmeistern, alles unabhängig voneinander. Wie ein Training auf der Bühne. Immer wieder laufen Personen kreuz und quer über die Bühne, andere unterhalten sich und alle sehen dabei unglaublich beschäftigt aus, was sie mit Sicherheit auch sind!
Das Orchester spielt sich währenddessen unabhängig von den Tänzern ein. Alle sind sehr in ihre Rollen vertieft, lassen sich von uns gar nicht stören und scheinen gar nicht erst zu bemerken, dass wir in den Reihen sitzen und fasziniert beobachten. Von einem Bühnenbild ist weit und breit noch nichts zu sehen, die Aufgänge an den Bühnenseiten sind lediglich abgegrenzt. Man kann viel von dem hinteren Bereich der Bühne sehen, was auf jeden Fall ein interessantes Bild darstellt.
Die
eigentliche Probe hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen und trotzdem
ist das gesamte Bild unglaublich faszinierend, aber auf eine andere Art und
Weise als bei einer Aufführung. Alle wirken so konzentriert und sind schon mit
vollem Herz und Seele dabei. Auch wenn hier und da nur angedeutet wird, sind
alle Bewegungen sehr anmutig und elegant. Fast kommt das Gefühl auf, ein Teil
von dieser Gruppe zu sein, da wir so private Einblicke bekommen.
Der Dirigent meldet sich nun zu Wort, wünscht allen einen guten Morgen und erklärt, dass zwischendurch unterbrochen werden muss, um einige Dinge zu klären. Als sich der Vorhang kurz schließt, ist dies das Zeichen, dass die Probe beginnt. Die Tänzer zeigen eine wundervolle Vorstellung, obwohl es nur eine Probe ist und alle in ihrer Trainingskleidung auftreten. Es ist ein sehr interessantes Bild, ganz anders als wenn alle in ihren Kostümen stecken. Immer wieder wird die Probe unterbrochen und einzelne Parts müssen wiederholt werden, damit alles für die Vorstellung sitzt und aufeinander abgestimmt ist. Nebenbei werden auch noch Fotos gemacht.
Einige
Tänzer, die wahrscheinlich eine längere Pause haben, sitzen zwischendurch in
den Reihen und gucken zu, die Ballettmeister besprechen viel miteinander und
mit den Tänzern. Das Ganze ist für mich als Zuschauerin überhaupt nicht
langweilig oder anstrengend, ganz im Gegenteil – es ist toll, solch einen
Einblick in ein professionelles Tänzerleben zu bekommen. Als die Probe endet,
müssen wir uns zusammenreißen, um nicht zu klatschen. Der Dirigent sagt noch: »Beautiful
job! Maestro, any corrections? Otherwise: delicious!« Ein sehr schöner,
sympathischer Abschluss.
Als ich nun am Montagabend die Staatsoper betrete, entdecke ich sofort meine Mitschülerinnen und Mitschüler sowie meine Lehrer. In diesem Moment wird mir nochmal bewusst, was für ein wertvolles Geschenk es ist, mit der gesamten Schule eine Probe und die Aufführung sehen zu dürfen! Ein großes Privileg, welches wir alle einzeln, aber auch als gesamte Schule genossen haben. Dadurch, dass ich das erste Mal zuerst eine Probe des Hamburg Ballett gesehen habe und nun auch noch die gesamte Vorstellung, bin ich umso neugieriger. Wie ist der Unterschied? Erkenne ich Änderungen? Wie wirkt das Stück mit dem richtigen Kostüm?
Da
ich Teil der Gruppe war, die nur den zweiten Teil des Ballettabends gesehen
hat, bin ich sehr gespannt auf den ersten Teil. Ich bin sehr positiv
überrascht, dass Sängerinnen und Sänger beteiligt sind und der Anfang nicht auf
Spitzenschuhen getanzt wird. Ein sehr interessantes Bild, natürlich mit
wunderschönen Kostümen. Als nach der Pause dann das »Brahms-Schoenberg Quartet«
an der Reihe ist, bin ich sehr gespannt, wie es im Vergleich zu der Probe sein
wird – und ich muss sagen, dass es für mich wie ein komplett anderes Stück wirkt:
Die prägnanten Formationen sind mir natürlich sofort wieder aufgefallen. Auch
die Kostüme sind beeindruckend, wobei ich wie bereits erwähnt sagen muss, dass
ich das Stück in Trainingsbekleidung getanzt ebenfalls als sehr interessant
empfunden habe. Ich denke, der Abend wird uns allen in Erinnerung bleiben!
Bericht vom 5. Dezember und 10. Dezember 2018 von Paulina, Schülerin der 3. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik. Hier geht es zu den Berichten des ersten Probenbesuchs.
Zwei Klassen der Erika Klütz Schule für Tanzpädagogik besuchten in dieser Woche Bühnenproben zur Premiere des Ballettabends »Brahms/Balanchine«. Geprobt wurde der erste Teil des Abends, Balanchines Choreografie »Liebeslieder Walzer«. Für unseren Blog haben Lucia und Linn ihre Eindrücke aufgeschrieben.
Am Donnerstag hatten wir als Schülerinnen und Schüler der Erika Klütz Schule das Glück, bei einer Bühnenprobe des Hamburg Ballett in der Hamburgischen Staatsoper zugucken zu dürfen. Geprobt wurde der erste Teil aus dem Ballettabend »Brahms/Balanchine«, der aus zwei Choreografien George Balanchines besteht und zur Musik von Johannes Brahms am kommenden Sonntag erstmalig in Hamburg aufgeführt wird.
Als wir den großen,
leeren Saal der Staatsoper betraten, hatte die Probe noch nicht begonnen.
Bühnentechniker in Turnschuhen und schwarzen Jeans liefen über die Bühne, das
Bühnenbild wurde gerade aufgebaut und auch der schwarze Behang der Bühnenwand
war noch nicht heruntergelassen. Man konnte deshalb tief in die Bühne hineingucken,
deren hinterer Teil aussah wie ein Baumarktlager mit vielen Brettern,
Eisenstangen und sogar kleinen Fahrzeugen.
Auch kam es mir komisch vor, dass Menschen in Straßenkleidung einfach auf der Bühne herumstanden, sich unterhielten und herumliefen, ohne sich dabei dem Zuschauerraum zuzuwenden. Denn eine Bühne, vor allem die einer Oper, hatte ich bisher nur als öffentlichen, besonderen Ort gesehen, auf der es keinen Raum für Alltägliches, Uneinstudiertes und Beilläufiges gibt.
Es war toll, Edvin Revazov, den ich schon zwei Mal auf der Bühne tanzen gesehen habe, zuzusehen, wie er sich ganz privat am Bühnenrand aufwärmt. Eine Pianistin spielt sich ein, dann kommt ein zweiter Pianist dazu und sie spielen gemeinsam, vollkommen synchron, hören jedoch auch gleich wieder auf. Plötzlich kommt eine Ballerina in ungebundenen Spitzenschuhen, deren Bänder lose auf dem Boden schleifen, über die Bühne gelaufen. Immer mehr bekannte Ballettgesichter tauchen auf wie zum Beispiel Carsten Jung. Auch zwei Sängerinnen und zwei Sänger, ebenfalls in privater Kleidung, stellen sich auf, der Vorhang schließt und öffnet sich, die Probe beginnt.
Auf einmal sind die
Tänzerinnen und Tänzer nicht mehr privat, sondern tanzen auf der Bühne so, als
ginge es dabei nicht um das Einstudieren eines Stückes in Abstimmung mit der
musikalischen Begleitung, sondern als wäre dies nun schon die eigentliche
Aufführung. Sie wirken vollkommen eingenommen von ihrem Tanz und Schauspiel,
drücken Freude, Leid oder Ernsthaftigkeit durch ihre Mimik aus und nichts an
ihren Bewegungen und ihrem Ausdruck verrät, dass sie »lediglich« bei einer
Probe sind. Dennoch brechen Tanz, Musik und Schauspiel manchmal nach mehreren
Minuten oder schon nach einigen Sekunden schlagartig ab, wenn die Stimme eines
Ballettmeisters auf Englisch, verstärkt durch ein Mikrofon, unterbricht und
Korrekturen gibt.
Bei den meisten
Korrekturen ging es um die Abstimmung der musikalischen Begleitung auf den Tanz
und umgekehrt. Besonders Sänger und Pianisten wurden oft unterbrochen und
mussten sich in ihrem Tempo der Choreografie anpassen. Die Konzentration,
Professionalität und die Genauigkeit aller Teilnehmer der Probe, bei der ich
für 90 Minuten zuschauen durfte, hat mich besonders beeindruckt. Nach genau 90
Minuten wurde die Probe schlagartig beendet, der Vorhang fiel ohne Beifall und
alle Beteiligten gingen geschäftig davon, um zur nächsten Tagesordnung überzugehen.
Als wäre der eben gezeigte Tanz, Gesang und die Musik, die mich alle so
beeindruckt haben, etwas ganz Selbstverständliches.
Bericht vom 6. Dezember 2018 von Lucia, Schülerin der 2. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik.
Als wir am Donnerstag
den 1. Rang der Staatsoper betraten, fiel mir als erstes die Größe der Bühne
auf. Bei vorigen Besuchen der Oper habe ich nie hinter die Kulissen sehen
können, aber nun sah ich, dass die Bühne zweimal so groß ist als nur der Teil,
den man als Zuschauer sieht. Überall liefen Bühnenarbeiter herum und bauten das
Bühnenbild auf, welches aus drei großen Flügeltüren und ein paar kleinen Sofas
und gepolsterten Stühlen bestand. Während noch an der Aufhängung der Türen
getüftelt wurde, betrat der erste Tänzer die Bühne und machte sich warm. Er
führte an einem Seitenteil der Bühne ein schnelles Exercise durch. Dabei sah er
sehr entspannt aus und machte alles in Ruhe. Als das Bühnenbild gerade stand,
huschte die erste Tänzerin in Trainingskleidung über die Bühne. Die Pianistin
und der Pianist sowie das Gesangsquartett fanden sich am Flügel zusammen. Nun
schien alles bereit und nachdem alle Beteiligten ein gemeinsames Foto machten, ging
es los.
Die Ballettmeister zogen sich in das Parkett zurück, um die Probe gut inspizieren zu können. Die Tänzerinnen zogen sich schnell ihre Röcke an und die Sänger zückten ihre Noten. Der Vorhand ging zu und ich sah noch schnell die Tänzer auf ihre Positionen schreiten. Die Musik begann, der Vorhang ging auf und die Tänzer tanzten Wienerwalzer. Sofort kam man sich vor wie bei einer echten Aufführung. Mir fiel auf, dass die Tänzer und Tänzerinnen in der ersten Hälfte nicht in Ballettschläppchen und Spitzenschuhen tanzten, sondern in Absatzschuhen, was ich sehr ungewohnt fand. Obwohl Kostüme und die richtige Beleuchtung fehlten, war man wie verzaubert und konnte nur noch die schwungvollen, eleganten Bewegungen der Tanzpaare ansehen. Ich war durch das simple Bühnenbild und die Musik sofort in einen edlen Ballsaal aus einer anderen Zeit versetzt.
Insgesamt waren es
acht Tänzerinnen und Tänzer, also vier Paare. Die Tänzer tanzten abwechselnd
alle zusammen, zu zweit, zu dritt und seltener zu viert. Ich unterscheide sie
im Folgenden anhand der Farbe der Trikots und Röcke der Damen: Es gab das Paar
mit der Tänzerin im grünlichen Rock. Dieses Paar fiel mir von Anfang an am
meisten auf, da der Tänzer so jung aussah und die Tänzerin eine melancholische
Rolle darzustellen schien. Bei ihrer Art zu tanzen musste ich an russische
Folklore aus unserem Unterricht denken, weil die Tänzerin so traurig und
melancholisch wirkte. Mir kam in den Kopf, dass sie ihren Rollenpartner
vielleicht mag, ihn aber nicht wirklich liebt. Oder dass sie sich zu ihm
hingezogen fühlt, aber nicht mit ihm zusammen sein darf. Er war sehr
zuvorkommend und lieb, doch sie wies ihn hin und wieder ab. Am Ende ihres
ersten Pas de deux kniet er vor ihr nieder und sie legt ihm die Hand zärtlich
aufs Haar. Diese Bewegung ist mir besonders aufgefallen und hat in mir wieder
das Gefühl ausgelöst, dass dieses Paar noch jung ist und miteinander sehr
vorsichtig umgeht.
Teil des nächsten
Paars war eine Tänzerin im pinken Rock. Sie wirkte sehr selbstbewusst, genau
wie ihr Partner, doch hatte ich das Gefühl, dass sie ein wenig kess mit ihm
spielte, weil sie oft wegging und sich von ihm bitten ließ, als wäre sie eine
kleine Prinzessin. Er war sich dessen bewusst, konnte ihr aber nicht
widerstehen. Sie war auch die erste Tänzerin, die mit zwei Männern tanzte und
dem anderen Mann hinterher guckte, dann aber doch mit ihrem Partner ging. Meiner
Meinung nach hatten sie im zweiten Teil eines der schönsten und zärtlichsten
Pas de deux des Stücks.
Die Tänzerin des dritten Paars trug ein violettes Oberteil, sie und ihr Partner tanzten innig, aber ausgelassener. Sie tanzten wie frisch verliebt. Im Laufe des Stücks hatten sie einen Streit wie mir schien, weil sie jeweils kurz alleine getanzt haben, als hätten sie ein Wortgefecht. Am Ende des Liedes rannte sie ohne ihn von der Bühne, als ob sie verletzt wäre. Bei diesem letzten Paar war auffällig, dass beide temperamentvoll waren und sie mir reifer vorkamen. Sie tanzten manchmal auch ungefasst oder alleine, doch fand ich das sehr harmonisch und trotzdem beieinander. Sie vertrauten sich und spielten trotzdem ein wenig miteinander. Auch als die Tänzerin mit zwei Männern tanzet, hatte ich das Gefühl, dass er ihr vertraute, nicht so wie der Partner der Dame im pinken Rock.
Mir gefiel an der
Probe, dass man einmal sehen konnte, wie die Bühne ohne Bühnenbild aussieht und
wie schnell die Tänzer bei einer Unterbrechung durch die Regie aus- und genauso
schnell wieder in die Rolle wechselten. Das Stück hatte zwar keine
offensichtliche Handlung, doch war die Choreografie so raffiniert, dass sehr
schöne Bilder und Linien zu sehen waren, besonders als alle acht Tänzer
zusammen tanzten. Auch ohne Handlung waren viele Gefühle durch große Sprünge
sowie kleine Gesten, Blicke und Neigungen des Kopfes zu erkennen.
Ich habe hier berichtet, was ich persönlich gesehen und gefühlt habe beim
Zuschauen, und möchte mich im Namen der Schüler für diese Gelegenheit bedanken,
bei den Profis zugucken zu können.
Bericht vom 6. Dezember 2018 von Linn, Schülerin der 2. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik. Hier geht es zum Bericht des zweiten Probenbesuchs.
Im ersten Teil des Blogs zur Premiere des Doppelabends »Brahms/Balanchine« drehte sich alles um die speziellen Tanzschuhe. Die Produktionsleiterin der Kostümabteilung Kirsten Fischer erzählte von der aufwendigen Suche nach dem richtigen Schuhmodell. Für die Ballette von George Balanchine gibt es neben den tollen Absatzschuhen aber auch wunderschöne Kostüme. Im zweiten Teil des Blogs erzählt Kirsten Fischer, welche Arbeit auf die Schneider der Kostümabteilung zugekommen ist und wie lange es dauert, bis ein Frack bühnentauglich ist.
Der Kostümfundus des Hamburg Ballett und der Staatsoper Hamburg ist überwältigend. Im Lager der Werkstätten in Rothenburgsort und auch in der übersichtlicheren Schneiderei im Großen Haus am Gänsemarkt finden unzählige Kleider, Röcke und Anzüge ihren Platz. In der neuen Ballettpremiere »Brahms/Balanchine« sind die Kostüme durch die Originalinszenierung von George Balanchine vorgegeben. Sie wurden ursprünglich von den Designerinnen und Kostümbildnerinnen Karinska und Judanna Lynn kreiert. In solch einem Fall ist es üblich, dass Kostüme von anderen Häusern, die die Ballette im Repertoire haben, für die Dauer der Aufführungsserie ausgeliehen werden.
Für »Liebeslieder Walzer«, den ersten Teil des Doppelabends, erhielt die Kostümabteilung die Kostüme des San Francisco Ballet. Im Idealfall können die Leihgaben für die Hamburg-Premiere übernommen und lediglich durch kleine Änderungen für die jeweiligen TänzerInnen und MusikerInnen angepasst werden. Für den ersten Part von »Liebeslieder Walzer« mussten nur zwei der Kleider nach Vorlage der Geliehenen ganz neu von den Schneiderinnen und Schneidern angefertigt werden. Im zweiten Teil der Choreografie tragen die Tänzerinnen mehrfarbige Tüllröcke. Die Kostüme aus San Francisco sind für unsere Tänzerinnen zu lang. Da man von den Leihgaben nicht einfach ein Stück abschneiden kann, hat sich das Team um Kirsten Fischer dafür entschieden, sie neu zu nähen. Die Oberteile werden jedoch übernommen.
In der Damenschneiderei sind die Mitarbeiterinnen fleißig zu Gange und erklären gerne, wie die Röcke gefertigt werden: Sie bestehen aus fünf verschiedenen Tülllagen, die jeweils in sich einen Farbverlauf haben. Durch die Überlappung der einzelnen Lagen ergibt sich ein romantisch-buntes Streifenmuster. Jeder der vier Röcke wird ganz individuell und anders aussehen. Ein bisschen erleichtert wird die Arbeit dann aber doch: Anstatt auch die angenähten Verzierungen komplett neu zu machen, werden sie von den Leihgaben vorsichtig abgetrennt und an den Hamburger Röcken angebracht. Kirsten Fischer erklärt: »Die Arbeit mit geliehenen Kostümen ist wirklich eine Herausforderung, da alle Änderungen dokumentiert werden müssen. Die Kostüme werden nach der Aufführungsserie nämlich wieder zurückgegeben und müssen dann wieder gleich aussehen und dieselbe Passform haben wie vor der Leihgabe.«
Für die männlichen Tänzer musste das gesamte Kostüm neu gefertigt werden. Das San Francisco Ballet hatte keine Herren-Kostüme mitgeschickt, da sie die Fräcke selbst vom New York City Ballet ausgeliehen hatten. Kein Wunder: Die Anfertigung der wunderschönen Kleidungsstücke ist sehr aufwendig! Diese Herausforderung haben die SchneiderInnen der Herrenschneiderei angenommen und gleich acht Tänzer- und vier Sängerfräcke in Handarbeit und maßgeschneidert angefertigt. »Das sind wunderschöne Fräcke, da ist man froh, wenn man sie danach im Fundus hat!«, schwärmt Kirsten Fischer. Und sie verspricht nicht zu viel: Im Produktionslager lassen sich die schönen Westen, Hosen und vor allem Jacken bereits bewundern.
Der Stoff für die Frack-typisch taillierten Jacken, mit den zwei Schwalbenschwänzen an der Rückseite, wurde nach dem Muster des Originals exklusiv für das Hamburg Ballett gewebt! Kirsten Fischer erklärt: »Es ist ein Rips in einer wirklich speziellen Farbe. Er ist dunkelblau, aber violett changierend.« Nach langer Recherche trat die Schneiderei der Hamburgischen Staatsoper mit einem deutschen Weber in Kontakt, der sich bereit erklärte, den Stoff nach dem Originalmuster anzufertigen.
Einen Stoff von der Stange zu nehmen, kam für Kirsten Fischer nicht in Frage. Denn durch das nachträgliche Einfärben verliere er viel von seinem Charakter und würde bei weitem nicht originalgetreu aussehen. Dadurch, dass die Weberei in Deutschland ansässig ist, ging der Prozess trotz Spezialanfertigung schnell: Nach zwei Wochen Vorbereitung inklusive Korrespondenz mit dem Weber, stand der Stoff der Kostümabteilung in zehn Tagen zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. »Das muss schnell gehen, denn so ein Frack ist ja auch ein aufwendiges Kleidungsstück!«, sagt Kirsten Fischer.
Wie aufwendig die Anfertigung ist, erfahren wir, als wir die Herrenschneiderei besuchen. Dort werden wir Zeuge, wie an den Fräcken gearbeitet wird. Eine Mitarbeiterin schlüsselt für uns die Herstellungsdauer auf: Ca. 35 Stunden und damit fast eine ganze Arbeitswoche benötigen die Profis aus der Schneiderei um einen Frack anzufertigen! Manche Nähte können mit der Maschine gemacht werden. Das sei vor allem für die tragenden Nähte wichtig, erklärt eine Schneiderin. Der Großteil wird aber in präzisester Handarbeit abgesteckt, umgenäht und zusammengefügt.
Die exklusiv gestalteten Fräcke, Röcke und Kleider können ab dem 9. Dezember 2018 auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper im Ballett-Doppelabend »Brahms/Balanchine« bewundert werden.
Am 9. Dezember feiert der Doppelabend »Brahms/Balanchine« mit dem Hamburg Ballett Premiere. Und wenn eine Premiere auf dem Spielplan steht, bedeutet das für alle beteiligten Abteilungen schon lange im Voraus viel Recherche und Vorbereitung. Welche Aufgaben und Schwierigkeiten bei der anstehenden Premiere der beiden Choreografien von George Balanchine auf die Kostümabteilung zukamen, wollten wir von Produktionsleiterin Kirsten Fischer wissen. In diesem ersten Teil des Blogs erzählt sie uns von der aufwendigen Suche nach den richtigen Tanzschuhen und welche Rolle die Erste Solistin des Hamburg Ballett Silvia Azzoni dabei spielte.
Über 3500 Spitzenschuhe sind im Spitzenschuhlager des Ballettzentrums jederzeit vorrätig. Auch verschiedene Schläppchen für Damen und Herren lagern dort und in den Räumen der Staatsoper. Doch in der Balanchine-Choreografie »Liebeslieder Walzer«, die in der nächsten Woche zum ersten Mal auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu sehen ist, tragen die Tänzerinnen und Tänzer zum Teil spezielle Tanzschuhe mit Absätzen, die bisher nicht im Kostümfundus zu finden waren. Dabei handelt es sich nicht um die im Gesellschaftstanz üblichen Schuhe, sondern um besondere, extra für das Ballett entwickelte Modelle: »Die Männer benötigen schwarze Lackschuhe, die allerdings weicher und flexibler gearbeitet sind als gewöhnliche Tanzschuhe«, erklärt Kirsten Fischer. Das passende Modell für die Männer war schnell gefunden und musste für den reibungslosen Gebrauch auf der Bühne nur leicht von den Schuhmachern der Staatsoper modifiziert werden.
Der Weg zum richtigen Tanzschuh der Damen war dagegen fast schon Detektivarbeit, erzählt Kirsten Fischer: Ein rosafarbener Satinschuh mit kleinem Absatz ist in der Inszenierung vorgesehen. Als sich die Kostümabteilung nach den Vorgaben des Balanchine Trusts, der die Aufführungsrechte der Choreografien vergibt, auf die Suche machte, meldete sich Silvia Azzoni bei Kirsten Fischer. Sie hatte auf einem Foto von »Liebeslieder Walzer« des New York City Ballet die befreundete Tänzerin Ashley Bouder erkannt, die die Tanzschuhe trug.
»Silvia war wirklich eine große Hilfe bei der Suche nach den richtigen Schuhen«, sagt Kirsten Fischer. Sie rief ihre Freundin an, um sich nach dem in New York verwendeten Schuh zu erkundigen. Ashley Bouder schickte ihr daraufhin Fotos der Schuhe sowie den Namen der Herstellerfirma. Als die Kostümabteilung den Hersteller kontaktierte, stellte sich jedoch schnell heraus, dass die Lieferzeit dieser Schuhe zu lang für die verfügbare Zeit bis zur Premiere in Hamburg gewesen wäre. Die Tänzerinnen brauchen schließlich bereits vor der ersten Aufführung genügend Zeit in den Proben, um die Schuhe auszuprobieren und sich an sie zu gewöhnen.
Ein anderer Schuh musste also gefunden werden. Zusammen mit der Kostümabteilung machte sich Silvia Azzoni auf die Suche. In Anlehnung an das Modell aus New York fanden sie schließlich verschiedene ähnliche Schuhe in einem Tanzgeschäft in Hamburg und nahmen sie in die Proben mit, damit die Tänzerinnen sie anprobieren konnten. Die Wahl fiel schließlich auf einen Schuh aus Italien, der allerdings noch etwas zu steif für die Bewegungen der Choreografie war. »Die sogenannte ‚Zunge‘ im Fußbett des Schuhs musste gekürzt und biegsamer gemacht werden, damit die Tänzerinnen den Fuß vollständig strecken können«, erläutert Kirsten Fischer. Außerdem sollte der Satin eine hellere Farbe bekommen. In Italien fertigte die Firma zunächst einen veränderten Prototyp für Silvia Azzoni an und schickte ihn zur Anprobe. Als alle Änderungen perfekt waren, produzierte die Firma die restlichen benötigten Schuhe für die Tänzerinnen.
Mehr als drei Monate hat die Suche insgesamt gedauert, seit vier Tagen sind die Schuhe nun bei den Proben im Einsatz und müssen sich bewähren. Wie lange die Modelle halten werden, kann Kirsten Fischer noch nicht absehen: »Aber zum Glück können wir jetzt, wo wir den richtigen Schuh gefunden haben, auch schnell nachbestellen. Anders als bei vielen Spitzenschuhmodellen, die lange Lieferzeiten haben, wären die neuen Tanzschuhe nun in einer Woche bei uns.« Auch wenn die Kostümabteilung die Schuhe für die männlichen Tänzer schnell fand, sorgte ein anderer Teil des Herrenkostüms für aufwendige Recherche und stundenlange Handarbeit. Um was es geht, erfahren Sie im zweiten Teil des Blogs mit Kirsten Fischer.
In Baden-Baden findet an diesem Wochenende das erste
Gastspiel von John Neumeiers Ballett »Anna Karenina« statt. Mit aus Hamburg
angereist ist dafür neben Bühnenbild, Kostümen und Schwingboden auch ein ganz besonderes
Requisit: Der Modellzug, der während des Stücks am vorderen Bühnenrand entlangfährt.
Nach der ersten Bühnenprobe erklärt Requisiteur Peter Schütte, woher die
Eisenbahn kommt und wie sie auf der Bühne zum Fahren gebracht wird.
Herr Schütte, was für ein Zug ist bei »Anna Karenina« im Einsatz?
Peter Schütte: Die Eisenbahn aus »Anna Karenina« ist eine sogenannte ›Gartenbahn‹, die größte elektrische Modelleisenbahn. Unser Zug setzt sich allerdings aus unterschiedlichen Zugteilen mehrerer Hersteller zusammen. Wir haben uns das Angebot angeschaut, getestet und dann verschiedene Modelle für unseren Zug kombiniert: Schienen, Lok, Waggons – jeweils nur das Beste vom Besten sozusagen. Denn das ganze System soll natürlich so zuverlässig wie möglich fahren, sich nicht entkuppeln, nicht zwischendrin stehen bleiben oder entgleisen. Dafür müssen wir die Gleise jedes Mal besonders sorgfältig verlegen. Man kann schon sagen, dass der Zug eines der anspruchsvolleren Requisiten ist.
Wie viel Meter legt der Zug von einer Bühnenseite zur anderen zurück?
Hier in Baden-Baden sind es schätzungsweise 25 bis 26 Meter.
Die Schienen führen über die gesamte Portalbreite und ein paar Meter hinter die
Kulissen. Weil das Bühnenportal in Baden-Baden etwas breiter ist als in
Hamburg, ist die Strecke auch entsprechend länger. Auf jeder Bühnenseite sitzt
während der Vorstellung ein Kollege der Requisite; man verständigt sich über
Funk darüber, wann der Zug losfahren und wie schnell er fahren soll. Die
Steuerung erfolgt über einen Trafo.
Am Ende des Balletts verunglückt der Zug – wie wird dieser Effekt erzeugt?
In der Mitte der Bühne gibt es eine Weiche. Die ist während
der gesamten Zeit für eine gerade Fahrt eingestellt. Vor dem ›Unfall‹ stellen
wir die Weiche auf Kurvenfahrt um. So fährt der Zug, wenn er die Weiche
erreicht, nicht mehr auf die andere Bühnenseite zu, sondern macht eine kleine
Drehung in Richtung der Szenerie. Dort fährt er auf einen kurzen verbogenen
Gleisstumpf auf, der extra so präpariert ist, dass der Zug entgleist. Dazu
kommt noch ein pyrotechnischer Effekt mit einem Knall, Funken und Rauch, den
wir per Fernsteuerung auslösen.
Fährt während der Vorstellung eigentlich immer der gleiche Zug?
Am Anfang hatten wir tatsächlich nur einen Zug im Einsatz, der nach jeder Fahrt von Hand auf den Schienen umgedreht werden musste, damit er wieder in die entgegengesetzte Richtung fahren konnte. Nun arbeiten wir mit drei Zügen parallel, was die Arbeit leichter macht. Die drei Züge sind übrigens alle schon im ersten Teil zu sehen. Sie werden aber weiterhin analog von uns gesteuert, digital programmiert ist dabei nichts – komplette Handarbeit also.
Vor der Wiederaufnahme von John Neumeiers Ballett »Bernstein Dances« durften drei junge BallettTester das Stück bereits vor allen anderen bei der Hauptprobe erleben. Wir freuen uns sehr, dass Jonna Lorenz, Yannick Klix und Janine Altmiks ihre Eindrücke und Erlebnisse mit uns teilen:
Als ich gesehen hatte, das man als BallettTester eine Hauptprobe des Hamburg
Ballett in der Staatsoper sehen kann, wollte ich unbedingt mitmachen. Ich habe
selber schon seit fünf Jahren Ballettunterricht in Kiel, und es fasziniert mich
immer wieder aufs Neue, die Ballettprofis auf der Bühne zu erleben. Nun durfte
ich also das erste Mal in der Hamburgischen Staatsoper ein Ballett sehen:
»Bernstein Dances«, eine Ballettrevue mit der Musik von Leonard Bernstein.
Mir haben die Musik und natürlich auch die Choreografie sehr gut gefallen.
Die Tänzer haben jede Emotion toll dargestellt, sodass man genau sehen konnte,
was sie gerade fühlen. Die Musik und die Tänze waren sehr abwechslungsreich:
von lustig und fröhlich bis spannend und dramatisch war alles dabei. Das in dem
Stück auch Sänger mitwirkten, hat mich sehr überrascht. Die Sopranistin
Dorothea Baumann und der Bariton Oedo Kuipers haben fantastisch gesungen. Die
Kostüme waren relativ einfach und schlicht gehalten, dies passte jedoch sehr
gut zu dem Stück. Dieser Abend war ein besonderes Erlebnis für mich.
Zum einhundertsten Geburtstag des wohl einzigartigen Dirigenten, Komponisten
und Musikvermittlers Leonard Bernsteins nimmt das Hamburg Ballett seine
»Bernstein Dances« wieder ins Programm. Bevor jedoch der erst 23-jährige
Christopher Evans in der Rolle Bernsteins sein Debüt als jüngst beförderter
Erster Solist geben kann, wird zwei Tage vor der großen Saisoneröffnung ein
letztes Mal geprobt. Neben John Neumeier, der künstlerischen Leitung und uns
drei BallettTestern haben noch einige Fotografen und ein paar Mitarbeiter Platz
genommen, ansonsten ist der Saal der Staatsoper so gut wie leer.
Neben dem Leben Bernsteins steht der Abend im Zeichen von Liebe und Erotik:
Als niemand Geringeres als »Eros« persönlich greift Alexandr Trusch immer
wieder in das Geschehen und Leben Bernsteins ein.
Das Ballett beginnt mit der Ouvertüre zu »Candide«. Angekommen in New York
kann Evans dem Vorwurf der Verschwendung von Zeit und Geld nur die eigene
Überzeugung entgegenhalten, Talent zu besitzen. In der Metropole fällt es ihm
zunächst schwer, Fuß zu fassen. Doch er soll recht behalten: Die Liebe und mit
ihr die Musik sind es schließlich, die ihn ankommen lassen, wenngleich der
Kontrast von einsamen Nächten am Klavier und der lauten Welt des Broadways
bleibt.
Bevor es schließlich zu Bernsteins berühmtesten Werk, der »West Side Story«,
kommen kann und Tony seine Maria findet, sitzt Evans als Bernstein wieder
einmal nachts alleine am Klavier und probiert vergebens, die richtigen Melodien
zu finden. Erst mit Zigarette im Mund will es ihm gelingen. Es sind diese
Bilder – Notenpapier, Zigaretten und Klavier – die das Ballett als Hommage an
Bernstein prägen. So erstrahlen bereits zu Beginn des Balletts große Portraits,
die den Musiker voller Freude und Energie beim Dirigieren zeigen. Von den
beeindruckenden New-York-Fotografien des Bühnenbildes ganz zu schweigen.
Die zweite Hälfte des Abends steht musikalisch ganz im Zeichen von der
»Serenade nach Platons ›Symposium‹«, jenem Gastmahl, das die griechischen
Philosophen zur Diskussion über den Eros bewegte, die ihren Höhepunkt in den
jazzartigen Unterbrechungen des Alkibiades findet. Das Bühnenbild fällt wieder
schlicht aus: In der rechten Ecke steht lediglich eine lange ungedeckte Tafel.
Es ist aber gerade diese ästhetische Schlichtheit und vor allem die der von
Giorgio Armani gestalteten Kostüme, die den Fokus auf Tänzer und Musik lenkt.
Die zweite Hälfte gestaltet sich als Wechsel zwischen zwei Schauplätzen: Im
hinteren Teil der Bühne findet eine kleine Party in einer New Yorker Wohnung
statt, deren Türen sich immer dann öffnen, wenn Sebastian Knauer am Klavier das
Themenmaterial der »Serenade« in den »Five Anniversaries«, jenen
Geburtstagsständchen, die Bernstein für einige Freunde schrieb, vorstellt. Im
vorderen Teil findet die Auseinandersetzung der Tänzer mit dem Eros statt,
immer dann, wenn das Orchester die »Serenade« spielt.
Den Tänzern gelingt es, den Spirit Bernsteins aufzugreifen, echte Emotionen
zu transportieren und den Zuschauer zu berühren. Unterstützt werden sie dabei
von dem starken Sängerduo aus Dorothea Baumann und Oedo Kuipers, das auf
clevere Art und Weise Teil der Choreografie ist, und natürlich vom
Staatsorchester unter der Leitung Garrett Keasts. Zu schade, dass man bei der
Generalprobe nicht applaudieren kann.
Wen die Musik und der Spirit Bernsteins begeistert, sollte sich das Ballett
auf keinen Fall entgehen lassen. Weitere Vorstellungen (mit teilweise
geänderter Besetzung) gibt es noch diese Woche, ermäßigte Restkarten sind nach
Verfügbarkeit an der Abendkasse für alle Berechtigten unter 30 Jahren
erhältlich.
Am 7. September besuchte ich als eine von drei BallettTestern die Hauptprobe
von »Bernstein Dances«. Ich hatte zuvor noch keine Ballettvorstellung gesehen
und wusste nicht, was mich erwarten würde. Normalerweise bin ich im Genre
Musical zu Hause, war aber gespannt darauf, etwas Neues zu erleben.
Im Gepäck ein Programmheft und eine Besetzungsliste, damit ging es in den
Saal. Inmitten von Fotografen nahm ich Platz und hatte einen tollen Blick auf
die Bühne. Ein bisschen aufgeregt war ich schon, das hat man nicht alle Tage.
Licht aus, Vorhang auf! Einsetzen des Orchesters, minimalistisches
Bühnenbild (Drei Fotos von Bernstein und ein Flügel auf der Bühne).
»Impulsanter Start« waren die ersten beide Worte in meinem Notizbuch. Die Zeit
verging wie im Flug, so sehr war ich darauf konzentriert, zu folgen. Nach 2 1/2
Stunden inklusive Pause hatte ich viele Eindrücke gesammelt. Ich gebe zu, beim
Ballett hatte ich aufwendige Kostüme und Frisuren erwartet, ein bisschen wie
beim Nussknacker (obwohl die Stücke überhaupt nicht vergleichbar sind). Doch
ich wurde überrascht.
Die TänzerInnen waren schlicht gekleidet, was für mich für das moderne
Zeitlose steht. Mir gefiel die ausgewählte Musik sehr gut, teilweise gesungen
von Dorothea Baumann und Oedo Kuipers (tolle Stimmen). Das Zusammenspiel mit
Tanz und Schauspiel überzeugte mich dahingehend, dass ich auch ohne Dialoge
verstanden habe, welche Stimmungen und Emotionen »erzählt« wurden. Biografische
Aspekte, ohne dass der komplette Lebenslauf wiedergegeben wurde. Durch die
abwechselnden Stimmungen wurden die facettenreichen Seiten des Künstlers
dargestellt. Mir gefiel diese Art der Umsetzung sehr gut. Alles in Allem finde
ich, dass die Revue gelungen ist.
Zwei Klassen der Erika Klütz Schule für Tanzpädagogik besuchten in dieser Woche Bühnenproben zur Premiere von John Neumeiers »Beethoven-Projekt«. Für unseren Blog haben Sophia, Eileen und Sarah ihre Eindrücke aufgeschrieben.
Am 19. Juni 2018 hatte die erste Klasse der Erika Klütz Schule die
Möglichkeit, bei einer Probe des »Beethoven-Projekts« zuzuschauen. Als wir
unsere Plätze auf dem Balkon des 1. Ranges einnehmen, die eine gute Sicht auf
das Geschehen zulassen, herrscht noch reges Treiben auf der Bühne. Die Tänzer
wärmen sich auf, das Orchester spielt sich ein, Bühnentechniker überprüfen die
Aufzüge und Assistenten huschen mit Klemmbrettern über die Bühne. Bei der
heutigen Probe treffen Orchestermusik und Tanz das erste Mal aufeinander,
weshalb es immer wieder zu Unterbrechungen kommt, bei dem das Orchester
unerwartet stark im Vordergrund steht.
Wir sehen den zweiten Teil des Balletts, der von der Musik aus »Die
Geschöpfe des Prometheus« und der 3. Sinfonie »Eroica« geprägt ist. Obwohl John
Neumeier angibt, keine konkreten Handlungen oder Charaktere darstellen zu
wollen, können wir uns im Part des Prometheus an einige Elemente aus der
Handlung von »Geschöpfe des Prometheus« erinnern. Wir erkennen zwei Geschöpfe,
die etwas unkoordiniert und ein wenig verwirrt tanzen, die sich zudem von einer
dritten Person beeinflussen lassen. Es scheint so, als würden sich die
Geschöpfe gegenseitig Leben einhauchen. Nach kurzer Zeit treten weitere Tänzer
auf, in denen wir die Rollen der Musen erkennen. Die Musen, die der Sage
zufolge den Geschöpfen das Tanzen beibringen und sie in die Künste einführen.
Es ist nicht schwer, sich voll und ganz auf den Tanz und die Handlung zu
konzentrieren, da das Bühnenbild minimalistisch gehalten ist und auch die
taghelle Lichteinstellung nicht verändert wird. Außer des in schwarz und weiß
diagonal geteilten Fußbodens und einem verwaschenen Bild in Blau- und Grautönen
von Wolken und Meer, gibt es lediglich einen schwarzen Rahmen, der die Bühne
kleiner erscheinen lässt.
Dieser wird für die »Eroica« allerdings durch eine schief in der Luft
hängende Glasscheibe ersetzt. Die »Eroica« wird eingeleitet durch ein
Männerensemble, der sehr ausdrucksstark und mit vielen akrobatischen und modernen
Elementen getanzt wird. Der folgende Auftritt der Frauen bringt zusätzlichen
Schwung auf die Bühne und die sichtbare Freude der Tänzer lädt zum Tanz ein,
bevor sich die Stimmung zum Pas de deux drastisch verändert. Kontraste scheinen
eine wichtige Rolle zu spielen. Diese zeigen sich im farblich getrennten
Fußboden, der räumlichen Trennung durch eine Glaswand mitten auf der Bühne und
in der Musik. Der Wechsel aus abstrakten Hebungen und intensiver Bodenarbeit
erzeugt eine Spannung, die durch die Reflektionen auf der Glasscheibe
intensiviert wird. Die düstere und dramatische Endzeitstimmung spitzt sich zu,
als ein Ensemble aus Männern hinter der Glasscheibe auftritt. Das Finale der
»Eroica« wird durch ein beeindruckendes Auftreten aller Tänzerinnen und Tänzer
eingeleitet.
Während des gesamten Stückes arbeitet der Choreograf wiederholt mit Kanons,
hier kommt es nun aber zu einem wahren Höhepunkt: Eine kurze Folge an Schritten
wird in derartig viele Kanon-Einsätze aufgeteilt, dass auf der Bühne ein
regelrechtes Chaos entsteht, jedoch ein wohlgeordnetes Chaos, das einen
energiereichen Abschluss bildet. Unser Lob geht zuletzt besonders an die
Tänzer, die durch ihren authentischen Auftritt und ihre offensichtliche Freude
am Tanz eine mitreißende Stimmung erzeugt haben. Wir danken dem Hamburg Ballett
für die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in die Choreografie und die Proben
gehabt haben zu dürfen!
Bericht vom 19.06.2018 von Sophia und Eileen, Schülerinnen der 1. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik
Es ist 9.45 Uhr, meine Klasse und ich warten gespannt, dass wir abgeholt
werden. Ich bin wahrscheinlich diejenige, die am meisten aufgeregt ist. Ich
habe mich sehr gefreut, dass wir die Möglichkeit bekommen, bei dieser
Bühnenprobe des Hamburg Balletts dabei zu sein. Für mich ist die Staatsoper ein
ganz besonderer Ort. Ich habe schon so einige Stücke gesehen, vor allem von
John Neumeier. Eigentlich kenne ich die Staatsoper nur gefüllt, mit viel Trubel
und Gemurmel. Es war am heutigen Tag etwas Neues, die Oper komplett leer und so
leise zu erleben. Türen stehen offen oder Menschen sind unterwegs, die man
sonst nie zu Gesicht bekommt.
Als ich den Saal betrete, werde ich mit Klängen der Musiker, dem Gemurmel der
Techniker und dem Gewusel der restlichen Mitwirkenden empfangen. Für mich ist
dies ein tolles Bild. Ich bin selber in einem Theater groß geworden und kann
mich sehr gut an die Probenzeiten erinnern. Es liegt immer eine gewisse
Anspannung und hohe Konzentration in der Luft. Ich setze mich und bin sehr
gespannt, was als nächstes passiert. Und da war es auch schon so weit, das
bekommt man nur in Proben zu sehen: Aleix Martínez kommt auf die Bühne, begrüßt
den Pianisten, winkt jemandem im Saal zu und versucht auf einmal, sich in dem
Klavier zu verstecken. Ich grinse – erst später bemerke ich, dass es eine Übung
war, da es ein Teil des Stückes ist. Ich blicke auf das Bühnenbild und bemerke,
dass die schwarzen Samtvorhänge noch nicht an Ort und Stelle sind und ich die
Möglichkeit habe, eine winzige Ecke von den hinteren Kulissen zu sehen. Es sind
einige bekannte Gesichter zu erkennen, die sich aufwärmen, etwas besprechen
oder sich kurz noch einmal strecken. Ich musste auflachen, als ich einen
Spitzenschuh hervorlugen sah, der wahrscheinlich zu Florencia Chinellato
gehörte, die auf ihren Einsatz wartet.
Der Dirigent betritt den Orchestergraben und macht dem Orchester eine
Ansage, wie die Probe verlaufen soll. Es gab ein Problem, doch es wurde schnell
gelöst, alle lachen auf. Der Dirigent entschuldigt sich und John Neumeier
wechselt noch ein paar Sätze mit dem Orchester. Bis es auf einmal etwas
hektischer wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, die Zeit drängt; alle Musiker
nehmen ihren Platz ein, der Inspizient, der Choreograf und die Ballettmeister
nehmen am Regiepult Platz. Das Licht wurde gedimmt. Die Probe beginnt. Doch
dann ertönt von Herrn Neumeier die Frage, wo denn der Vorhang bleibe. Von dem
Inspizienten bekommt er zu hören, dass der momentan nicht zu Verfügung stehe.
John Neumeier macht die Ansage, dass es losgeht. Alle auf Position und die
ersten Klavierklänge erfüllen den Raum.
Ab da versinke ich in den Klängen und den Bewegungen von Aleix Martínez. Ich
versuche, die einzelnen Tänzer rauszufrimeln, wer wen in dem Stück darstellt.
Da kommt mir der Gedanke, wie wichtig Kostüme doch sind, um den Zuschauer
verständlich zu machen, wer wen in dem Stück darstellt. Es ist eine
Bühnenprobe, daher haben die Tänzer ihre eignen Trainingsklamotten an. Außer
hier und da war mal ein Requisit oder eine Toga zusehen. Ich folge den
Bewegungen der Tänzer und bin gespannt wie es weitergeht, auf einmal stürzen
gefühlte 100 Menschen auf die Bühne, die allesamt nicht wie Tänzer aussehen.
Ich begriff, das sind Techniker und Musiker, die ihre Position einnehmen, um
einen schnellen Bühnenbildwechsel vorzunehmen. Der Ton ist rau. »Das muss
schneller gehen.« Der Techniker entschuldigt sich und gibt Bescheid, dass erst
bestimmte Haken gelöst werden müssen. Ach schön – Szenen, die ein Zuschauer im
Normalfall, in der Vorstellung, nie mitbekommen würde. Ich merke, dass Theater
nur funktioniert, wenn ein Rad in das andere greift, jeder weiß, was er zu tun
hat und was untersagt ist. Und ebenso bin ich immer wieder fasziniert, wie
viele Menschen auf, neben, hinter und seitlich von der Bühne beschäftigt sind,
damit alles funktioniert und der Zuschauer einen schönen Abend hat.
Nach dem Umbau war ich verwirrt und wusste nicht, wie ich die Szene
einordnen soll, weil das Publikum begrüßt wird – später finden wir heraus, dass
es genauso so zu ein hat. Vom zweiten Teil war ich sehr angetan. Es passiert
viel und schöne Formationen entstehen, an denen wahrscheinlich noch etwas
gearbeitet werden muss, da sie noch nicht perfekt synchron waren. Der Vorhang geht
runter, die Stimme von John Neumeier ertönt. Er gibt die Anweisung, dass jetzt
die Pause ist und sie sich in wenigen Minuten wieder treffen. Da kam auch
unsere Koordinatorin, sie meinte: »… für uns war‘s das leider schon.« Ich habe
mir gedacht »neeeiinnn, jetzt kommt doch der spannendste Teil, wo besprochen
wird, was gut gelaufen ist, voran gearbeitet werden muss und ob noch bestimmte
Licht-, Musik- oder andere Einstellungen vorgenommen werden müssen.« Naja, man
kann nicht alles haben. Auf jeden Fall war es ein gelungenes Vormittagsprogramm
und ich bin sehr auf die kommenden Vorstellungen gespannt. Vielen Dank an
dieser Stelle, das es einer großen Ballettliebhaberin ermöglicht wurde, bei
solch einer großen Produktion zuschauen zu dürfen.
Bericht vom 20.06.2018 von Sarah Edna, Schülerinnen der 2. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik