Autor: Nathalia Schmidt

  • Svetlana Lunkina zu Anna Karenina

    Svetlana Lunkina zu Anna Karenina

    John Neumeiers »Anna Karenina« entstand als Koproduktion zwischen dem Hamburg Ballett, dem Ballett des Bolschoi Theaters und dem National Ballet of Canada. Die russische Startänzerin Svetlana Lunkina war die Premierenbesetzung der Anna Karenina beim National Ballet of Canada. Am 11. Mai ist sie gemeinsam mit ihren kanadischen Kollegen Harrison James als Alexej Wronski und Félix Paquet als Lewin zu Gast in der Hamburgischen Staatsoper. In einem Gespräch erzählt sie uns von ihren Eindrücken zur Rolle Anna Karenina.

    Svetlana, John Neumeier hat dir die Titelrolle seiner Ballettadaption von »Anna Karenina« für die Premiere am National Ballet of Canada im November letzten Jahres in Toronto anvertraut. Wie hast du die Zusammenarbeit mit John Neumeier erlebt?

    Svetlana Lunkina: Mit John zusammenzuarbeiten ist auf so viele Arten sehr besonders. Jedes Mal kann ich es kaum erwarten, dass er in das Studio kommt und ich mit ihm arbeiten kann. »Anna Karenina« war ja nicht die erste Zusammenarbeit mit ihm. Ich habe davor »Nijinsky« und »Endstation Sehnsucht« mit ihm gemacht. Es ist immer wieder herausfordernd, sehr interessant und emotional. Mit John erlebe ich alle Emotionen, die ich aus meinem Leben kenne, an einem Tag. Wenn man mit ihm arbeitet, dann muss man lernen, natürlich, emotional und menschlich zu sein, aber trotzdem in der Rolle zu bleiben.

    Wenn ich dann nach den Proben alleine bin, fühlt es sich so an, als wäre er immer noch bei mir. Ich denke weiter darüber nach, was er gesagt hat, über jedes Detail. Wenn ich mit John zusammenarbeite, dann gibt es nichts anderes mehr. Unterwegs auf der Straße oder zuhause im Bett denke ich: »Was haben wir heute gemacht? Was kann ich morgen besser machen? Wie kann ich wachsen? Wie kann ich mich noch besser ausdrücken?«
    Ich weiß jedes Mal, dass es nicht einfach wird. Es ist eine Herausforderung – im positivsten Sinne! Es ist wichtig, offen zu bleiben und fähig zu sein, selbst wenn man die Schritte kann, jedes Mal mehr zu wagen, Tag für Tag. Ich liebe es einfach, mit John zu arbeiten!

    Svetlana Lunkina und Harrison James tanzen Anna Karenina und Alexej Wronski am 11. Mai in Hamburg © Kiran West

    Es gibt verschiedene Film-, Theater- und choreografische Adaptionen des Romans von Leo Tolstoi. Darunter ist ein Ballett, das 1974 vom Ballett des Bolschoi-Theaters mit Maya Plisetskaya und Alexander Godunov in den Hauptrollen gezeigt wurde. Die Rolle der Anna Karenina ist sehr komplex und facettenreich – emotional und physisch. Wie bist du an diese Rolle herangegangen und worin liegt für dich die Herausforderung in der Interpretation der Figur?

    Wir haben uns natürlich die Filme, die unterschiedlichen Ballette und das Buch angesehen. Aber das Interessante an Johns Ballett ist, dass er nicht einfach das Buch in ein Ballett verwandelt hat. Leo Tolstoi war zwar seine Inspiration, aber das Ballett ist seine Interpretation, es sind Johns Gefühle.

    John konnte nicht jedes Detail über jeden Charakter in seinem Ballett ausarbeiten. Er hat immer wieder gesagt: »Ich habe keine fünf oder sechs Stunden Zeit!« Das Ballett ist sein Blick auf die Charaktere und erzählt die Geschichte sehr kompakt. Daher hat er mir klargemacht, dass ich in jeder Szene sehr anders sein muss. Weil keine Übergänge oder Entwicklungen auf der Bühne dargestellt werden, gibt es in jeder Szene eine neue Anna mit neuen Gefühlen in neuen Situationen. Das war am Anfang wirklich nicht einfach für mich, denn Anna ist fast immer auf der Bühne.

    Und weil die Bewegungen natürlich sein sollen, kann man die verschiedenen Reaktionen und Gefühle nicht einfach »spielen«, ich muss die Emotionen wirklich fühlen. Das hat seine Zeit gebraucht und diese Entwicklung hört nicht auf. Ich muss immer wieder einen neuen Weg finden, um das, was Anna erlebt, auszudrücken. Besonders wenn John dabei ist, ist es unglaublich: Seine Anwesenheit und auch eine neue Compagnie verändert alles. Ich kann manche Dinge nicht genau gleich machen wie zuvor, weil die unterschiedlichen Tänzer neue Impulse geben. Jeder ist in seinem Charakter und man reagiert aufeinander. Weil jeder Tänzer einzigartig ist, führt das zu neuen Reaktionen – auch bei mir. Ich denke mir dann: »Wow, du hast gerade total anders reagiert!«

    John sagt: »Ich will nicht das sehen, was ich gestern gesehen habe. Ich will mehr!« Man muss sich immer weiterentwickeln, jeden Tag sein Bestes geben. Selbst wenn du heute das Beste gegeben hast, sieht dein Bestes von morgen vielleicht anders aus.

    Eine Szene aus »Anna Karenina« mit Svetlana Lunkina und Harrison James als Hauptpaar © Kiran West

    John Neumeier überträgt die Geschichte der Figur Anna Karenina aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart. Worin liegt deiner Meinung nach die moderne Relevanz und Zeitlosigkeit von »Anna Karenina«?

    Jeden Moment aus »Anna Karenina« können wir in irgendeiner Form in unserem eigenen Leben finden – so geht es auf jeden Fall mir. Als ich das Ballett zum ersten Mal getanzt habe, musste ich an mein eigenes Leben denken und wie ich auf Dinge, die mir passiert sind – gut und schlecht – reagiert habe. Die Emotionen, die in der Geschichte vorkommen, kennt jeder, egal in welcher Zeit – sie sind zeitlos. Ich mag es, dass John das Ballett in unserer Zeit angelegt hat. Man muss als Tänzer nicht über historische Kostüme oder sowas nachdenken. Es ist so viel näher an einem selber dran, näher an dem eigenen Leben, am eigenen Herz, näher an dem, was man ist. Dadurch kann man die Gefühle stärker transportieren.

    Lisa Zillessen und Katerina Kordatou

    Im ersten Teil der Serie »3 Fragen an Anna Karenina« haben wir mit unserer Solistin Xue Lin über ihr Debüt als Anna Karenina gesprochen.

  • Xue Lin zu Anna Karenina

    Xue Lin zu Anna Karenina

    Seit dem 29. April und noch bis zum 11. Mai 2019 feiern wir ein regelrechtes »Anna Karenina«-Festival. Zum ersten Mal seit der Hamburg-Premiere im Juli 2017 hat unser Publikum die Gelegenheit John Neumeiers jüngstes Handlungsballett in gleich vier verschiedenen Besetzungen zu erleben! Neben der ursprünglichen Hamburg-Besetzung mit Anna Laudere und Edvin Revazov als Anna Karenina/Alexej Wronski, werden auch die Besetzungen der Koproduktionspartner aus Kanada und Russland zu Gast in der Hamburgischen Staatsoper sein.
    Sehr gelungen ist bereits das Debüt der neuen Besetzung aus unserer Compagnie: am 1. und 2. Mai tanzten unsere Solisten Xue Lin und Jacopo Bellussi das Hauptpaar und ernteten dafür gebührenden Applaus! Im ersten Teil der Reihe »3 Fragen an Anna Karenina« haben wir mit Xue Lin über ihr Debüt und die Rolle der Anna Karenina gesprochen.

    Xue, Anna Karenina ist die tragische Titelfigur in Leo Tolstois Roman und John Neumeiers Ballettadaption. Sie ist eine Figur, die in den unterschiedlichsten Medien interpretiert wurde und kulturübergreifende literarische Bedeutung hat. Wie setzt man sich als Tänzerin mit solchen Charakteren auseinander und wie hast du dich auf die Rolle der Anna Karenina vorbereitet?

    Xue Lin: Ich hatte schon zu Beginn der Saison angefangen die Schritte zu lernen und bevor wir zur Tournee nach China gereist sind, bestätigte John Neumeier, dass ich auf jeden Fall zwei Vorstellungen tanzen werde. Das führte dazu, dass ich mir viele Gedanken über die Geschichte machte. Ich habe das Buch von Leo Tolstoi mit nach China genommen und es gelesen. Außerdem habe ich mir den »Anna Karenina«-Film mit Keira Knightley gleich zwei Mal angeschaut.

    Die Schritte zu können ist nicht so schwer wie zu lernen, die Geschichte zu erzählen. Also musste ich irgendwie eine Idee davon bekommen, wie ich den Charakter spiele. Nachdem ich mir viele Videos angesehen hatte, bekam ich ein Bild von Anna Karenina. Aber als ich tanzte, habe ich gemerkt, dass es mir am leichtesten fällt sie zu verkörpern, indem ich ich selbst bin. Ich habe nicht daran gedacht »In diesem Moment muss ich dies tun, jetzt das spielen.« – Ich musste nichts spielen. Auch unsere Ballettmeister sagen immer: »Lass dich von der Geschichte leiten und spreche mit deinem Herzen, tanze mit deiner Seele!« Das habe ich versucht.

    Xue Lin und Carsten Jung als Anna Karenina und Alexej Karenin © Kiran West

    Anna Karenina ist ein vielseitiger und emotionaler Charakter. Wie bringst du die Emotionen auf die Bühne und was war die größte Herausforderung für dich?

    Ich versuchte mich in Anna Kareninas Situation hineinzuversetzen – das hat mir geholfen, die Geschichte zu verstehen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich in den Situationen fühlen würde. Ich bin der Meinung, dass man mit den Erfahrungen, die man in seinem eigenen Leben macht, sich manches vorstellen kann. Zum Beispiel ein Kind zu vermissen – ich habe zwar selbst kein Kind – aber ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlen würde das Kind zu verlassen oder von der Person, die man am meisten liebt, verlassen zu werden. Ich stellte mir vor, wie ich mich verhalten würde, wenn mein ganzes Leben zusammenbricht.

    Was mich herausforderte, war vor allem der Anfang des Balletts. Ich hatte Bedenken, dass ich nicht wie eine Mutter oder Ehefrau oder ›Frau‹ aussehe. Aber durch die Proben lernte ich, wie ich stehen und mich positionieren muss. Das fiel mir anfangs nicht leicht, aber am Ende habe ich mich wohl gefühlt.

    Anna Karenina (Xue Lin) besucht ihren Sohn Serjoscha (Marià Huguet) © Kiran West

    Für das Hamburger Publikum warst du die erste Neubesetzung der Anna Karenina. Du folgst auf Anna Laudere, die an der Kreation der Anna Karenina beteiligt war. Wie war das für dich und warst du dadurch nervöser als sonst?

    Tatsächlich habe ich nicht so viel darüber nachgedacht, dass Anna Laudere bisher die einzige Anna Karenina in Hamburg war. Ich hatte aber auch keinen Druck, denn die Ballettmeister und Anna selbst haben mir ihr vollstes Vertrauen gegeben und mir sehr geholfen! Anna war in fast jeder Probe dabei – sie hat mir so viel Selbstvertrauen gegeben! Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es schlecht laufen könnte. Ich sagte mir, dass ich ich selbst sein muss und mit meiner Seele tanzen muss, denn das ist das Wichtigste! Ich hatte die beste Unterstützung von Anna und bin so dankbar, dass sie da war! Sie war so nett und hat mir von Anfang bis zum Ende mit Allem geholfen. Sie hat bei der Vorstellung zugesehen und ich habe zu ihr gesagt, dass es mir Ruhe und Selbstvertrauen gibt, dass sie da ist. Auch Anna sagte, dass sie da sei um mich zu unterstützen.

    Es war auch schön mit Jacopo zu arbeiten. Er lernt so schnell und ist ein guter Freund. Dadurch waren wir sehr entspannt und nicht nervös. Dann kam der erste Durchlauf mit John: Es war eine Herausforderung für uns, denn wir hatten plötzlich so viele Dinge im Kopf – der explodierte fast durch die ganzen Informationen und den Input. Aber dennoch blieben wir beide sehr entspannt, denn am Ende ist das, was zählt, am Abend die Geschichte zu erzählen!

    Xue Lin und Jacopo Bellussi debütierten als Anna Karenina und Alexej Wronski © Kiran West

    Ihr wollt mehr über Xue Lin erfahren? Schaut euch ihren Steckbrief an!

    Lisa Zillessen

    Im zweiten Teil der Serie »3 Fragen an Anna Karenina« sprechen wir mit Gasttänzerin Svetlana Lunkina vom National Ballet of Canada über die Rolle Anna Karenina und ihre Zusammenarbeit mit John Neumeier.

  • Auf Tour in China II

    Auf Tour in China II

    Das Hamburg Ballett gastiert zum vierten Mal beim Hong Kong Arts Festival und bringt drei große Ballettproduktionen auf die Bühne: »Der Nussknacker«, »Beethoven-Projekt« und das Galaprogramm »The World of John Neumeier«. Von der zweiten Woche in Hongkong und den ersten Vorstellungen des Balletts »Beethoven-Projekt« außerhalb Hamburgs berichtet Nicolas Hartmann, Assistent der Ballettbetriebsdirektion:

    Unsere zweite Produktion, die wir im Rahmen des Hongkong Arts Festival zeigen, ist das Ballett »Beethoven-Projekt«. John Neumeiers jüngste Ballettkreation wird zum ersten Mal außerhalb Hamburgs gezeigt! Nach unserer ausverkauften Vorstellungsserie von »Der Nussknacker« sind auch die Aufführungen dieses Programms mit Kammermusikstücken – ein Satz aus dem Geistertrio und ein Streichquartettsatz, vier Sätzen aus den »Geschöpfen des Prometheus« und der »Eroica« Sinfonie – sehr gut besucht. Auch mit diesem jüngsten Werk John Neumeiers können wir in Hongkong einen großen Erfolg verbuchen. Für das »Beethoven-Projekt« ist unser Solo-Pianist Michal Bialk angereist, der uns später weiter nach Peking begleiten wird. Unser Erster Dirigent für Ballett, Simon Hewett, leitet die Abende musikalisch.

    Szene aus »Beethoven-Projekt« © Kiran West

    In einem »Pre-Performance Talk« gibt unser Pressesprecher Jörn Rieckhoff eine Einführung in das Ballett. Es kommen viele Nachfragen von den Gästen. Schön zu sehen, wie interessiert unser Publikum ist! Eine weitere Zusatzveranstaltung in Hongkong ist »The Artist Salon«: Am Donnerstag sprach Emma Liu, Radiomoderatorin bei RTHK Radio 4, im wunderschönen Lanson Place Hotel mit John Neumeier eine Stunde lang über seine Sammlung und Stiftung, über seine Herangehensweise bei der Kreation von neuen Balletten und über das »Beethoven-Projekt«.

    Nachdem wir einige kleine Krankheitsausfälle am Anfang der Tournee hatten, sind alle wieder fit. Zwei unserer Tänzer, Sara Ezzel und Matias Oberlin, sind nach Toronto zum Erik Bruhn Preis eingeladen worden und verlassen uns für ein paar Tage. Sie tanzen das Grand Pas de deux aus John Neumeiers »Der Nussknacker« und zeigen außerdem eine neue Choreografie des ehemaligen Tänzers aus dem Bundesjugendballett, Kristian Lever. Das Stück von Kristian Lever mit dem Titel »An intimate distance« gewinnt schließlich den choreografischen Preis des Wettbewerbs – ein toller Erfolg!

    Szene aus »The World of John Neumeier« © Kiran West

    Den Abschluss unseres Gastspiels in Hongkong bilden zwei Vorstellungen der Ballettgala »The World of John Neumeier«: ein besonderes Programm mit vielen Ausschnitten aus einigen der wichtigsten Ballette John Neumeiers, speziell von unserem Chef wie eine Art Retrospektive zusammengestellt. Dieses Mal ist es ganz besonders aufregend, da John Neumeier die Gala live moderiert. Dadurch gewinnt der Abend noch mehr an Emotionalität.

    Am Sonntagmorgen gibt unsere Ballettmeisterin Laura Cazzaniga ein letztes Ballett-Training für fortgeschrittene Amateure im Rahmen des Zusatzprogramms vom Hongkong Arts Festival. Ein sehr talentiertes Mädchen aus dieser Gruppe wird an der Aufnahmeprüfung der Ballettschule des Hamburg Ballett teilnehmen – wir sind gespannt, ob wir sie in unserer Ballettschule wiedersehen.

    Gruppenfoto mit Laura Cazzaniga und den Ballett-SchülerInnen

    Wir haben uns sehr gut aufgehoben gefühlt beim Hongkong Arts Festival. Wir wurden von einem sehr professionellen und herzlichen Team betreut – und die Atmosphäre der Stadt ist einfach beeindruckend: Jeden Abend gibt es eine Licht- und Lasershow von allen Hochhäusern in Hongkong City. Druch unsere Vorstellungen bekommen wir die Shows meist nur durch Zufall mit oder verpassen sie natürlich an einigen Abenden ganz. Aber der Blick vom Theater über das Wasser nach Hongkong Central ist überwältigend. Viele Touristen kommen extra mit einer Fähre rüber, um das Spektakel von unserer Seite zu sehen.

    Skyline mit Lichtershow © Kiran West

    Wir haben außerdem erlebt, dass Hongkong eine sehr große, aufgeschlossene und interessierte Expats-Gemeinde hat, in der man durchaus auf bekannte Gesichter treffen kann. So haben unser Pressesprecher Jörn Rieckhoff und ich zufällig eine gemeinsame alte Bekannte aus unserer Heimatstadt Bremen in Hongkong getroffen, die mit ihrem Mann eine unserer Vorstellungen besuchte. Wie klein die Welt doch sein kann!

    Das Festival endet nun offiziell nach unserer letzten »Gala«-Vorstellung. Für uns heißt es: Auf nach Peking – die dritte Woche unserer China-Tour beginnt!

    Nicolas Hartmann

  • Auf Tour in China I

    Auf Tour in China I

    Das Hamburg Ballett ist bereits zum vierten Mal Gast beim Hong Kong Arts Festival und bringt drei große Ballettproduktionen auf die Bühne: »Der Nussknacker«, »Beethoven-Projekt« und das Galaprogramm »The World of John Neumeier«. Nach einer ereignisreichen Woche bekommen wir Daheimgebliebenen Nachricht aus Hongkong: Ulrike Schmidt, Ballettbetriebsdirektorin und Stellvertreterin des Ballettintendanten John Neumeier, berichtet uns von ihren Erlebnissen vor Ort:

    Ein Wiedersehen im Frühling beim Hong Kong Arts Festival: Gestartet sind wir – nach dem ersten Schock durch die Streichung unseres Fluges von Hamburg nach Frankfurt – bei stürmischem Winterwetter und gelandet bei herrlichem Sonnenschein im Frühling in Hongkong. Glücklicherweise sind alle 80 Teilnehmer, unsere Tänzerinnen und Tänzer sowie unser Team, in China gelandet, ›nur‹ 15 Koffer fehlten!

    Vorstellungsfoto aus Hongkong: Die Compagnie in »Der Nussknacker« © Kiran West

    Wir sind bereits zum vierten Mal beim Arts Festival in Hongkong eingeladen. Mit im Gepäck sind drei verschiedene Ballette von John Neumeier. Insgesamt neun Vorstellungen zeigen wir im beeindruckenden Hong Kong Cultural Centre Grand Theatre, bevor wir weiter nach Beijing reisen.

    Strahlende Kinderaugen im Theater © Kiran West

    Zum Auftakt unserer Tournee tanzten wir vor ausverkauftem Haus John Neumeiers »Der Nussknacker« in zwei Besetzungen, musikalisch begleitet vom Hongkong Philharmonic Orchestra. Es gab zwei Nachmittagsvorstellungen, die nur für Kinder angeboten wurden. Gespannt verfolgten die Kleinen die Ereignisse auf der großen Bühne. Entdeckt ihr oben auf dem Bild John Neumeier?

    Konstantin Tselikov bei einem Tanzworkshop für Kinder © Kiran West

    Wir sind sehr froh, dass alle »Nussknacker«-Vorstellungen ein großer Erfolg waren. Zusätzlich gab es ein besonderes Rahmenprogramm: Unser Stellvertretender Ballettdirektor Lloyd Riggins gab eine Meisterklasse für angehende Tänzerinnen und Tänzer. Unser Solist Konstantin Tselikov brachte jungen Kindern erste Tanzschritte bei. Unsere Gastspielleiterin Rachel Nowak führte interessierte Besucherinnen und Besucher hinter die Bühne und ich hielt eine englischsprachige Einführung zum Thema Networking.

    Nach der letzten »Nussknacker«-Vorstellung, eine Matinee, begann bereits der Umbau für unsere nächste Produktion: »Beethoven-Projekt«. Dieses Ballett nehmen wir zum ersten Mal mit auf Tournee und wir sind natürlich gespannt, wie die neueste Kreation von John Neumeier hier in China ankommen wird!

    Ulrike Schmidt

  • Happy Birthday, John Neumeier!

    Happy Birthday, John Neumeier!

    Am 24. Februar feierte der Intendant und Chefchoreograf des Hamburg Ballett seinen 80. Geburtstag. Mit der Benefizgala »The World of John Neumeier« und einer privaten Feier im Ballettzentrum wurde der Geburtstag gebührend zelebriert. Eindrücke von den Festlichkeiten gibt es hier zu sehen.

    »The World of John Neumeier«

    Szene aus »The World of John Neumeier« © Kiran West

    »Nijinsky«, »Die Kameliendame«, »Anna Karenina«, »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler«: Ausschnitte aus zahlreichen Balletten von John Neumeier fügten sich am vergangenen Sonntag zu einem beeindruckenden Galaprogramm zusammen.

    Die autobiografische inspirierte Gala war zum ersten Mal in Hamburg zu sehen. Neben den Tänzerinnen und Tänzern des Hamburg Ballett traten auch international gefeierte Gastsolisten wie Roberto Bolle und Alessandra Ferri auf.

    Schlussapplaus mit Standing Ovations © Kiran West

    Nach vier Stunden, die der Ballettintendant moderierend begleitete, endete die Gala in der ausverkauften Hamburgischen Staatsoper mit goldenem Konfettiregen und Standing Ovations! Der Erlös von rund 150.000 € kommt der Stiftung John Neumeier zugute.

    Gruppenfoto mit den Gastsolisten nach der Vorstellung

    Gruppenfoto nach der Gala mit den 14 Gästtänzerinnen und -tänzern, die extra aus Russland, Kanada, den USA, Italien, Dänemark, Österreich, Frankreich und England anreisten, um zu Ehren des Jubilars aufzutreten.

    John Neumeier mit Dr. Peter Tschentscher und Eva-Maria Tschentscher © Kiran West

    Unter der Gästen im Publikum war auch Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher mit seiner Ehefrau Eva-Maria Tschentscher.

    Geburtstagsfeier im Ballettzentrum Hamburg

    Einen Tag nach der großen Geburtstagsgala lud John Neumeier die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburgischen Staatsoper ein, mit ihm gemeinsam im Ballettzentrum zu feiern. Für diesen Anlass kreierte die Ballettschule des Hamburg Ballett ein Überraschungsprogramm, das den Gästen im Ballettsaal Petipa präsentiert wurde.

    Überraschungsprogramm der Ballettschule des Hamburg Ballett © Kiran West

    Unter dem Titel »80 Insights for 80 Years« zeigten die Schülerinnen und Schüler aller Klassen kurze Ausschnitte aus 80 Choreografien von John Neumeier, die sie zu einem ineinandergreifenden Programm zusammengestellt hatten.

    Überraschungsprogramm der Ballettschule des Hamburg Ballett © Kiran West

    Das Ensemble des Hamburg Ballett, das Bundesjugendballett sowie das Philharmonische Staatsorchester steuerten ebenfalls persönliche Überraschungsauftritte bei. Die Tänzer und Choreografen Aleix Martínez, Marc Jubete und Edvin Revazov gaben den Gästen Einblicke in ihre Kreationsproben der kommenden Sommerpremiere »Shakespeare – Sonette«.

    Fotoausstellung im Ballettinternat © Kiran West

    Auch das Internat der Ballettschule präsentierte sich künstlerisch: Die Schülerinnen und Schüler zeichneten 80 Porträts von John Neumeier, die sie im Internatsflur ausstellten.

    © Kiran West

    Erst spät am Abend gingen die Feierlichkeiten zuende – mit einem Jubilar, der sichtlich bewegt und berührt war von den vielen persönlichen Überraschungen zu seinen Ehren.

  • BallettTester »All Our Yesterdays«

    BallettTester »All Our Yesterdays«

    Als BallettTesterinnen durften Jona und Evelyn unsere Wiederaufnahme »All Our Yesterdays« bereits am Freitag in der Hauptprobe erleben. Hier erzählen sie von ihren Eindrücken.

    Die langen Treppen, die roten, samtigen Sessel, die Logen und das tönende Orchester. Und ich mitten im Raum, die Bühne nur verschwommen sichtbar, alles wirkte groß und unreal auf mich. Die Bühne so weit weg und ich erwartete, dass die Tänzer genau so weit entfernt und klein aussehen würden. Doch dann kamen die ersten Tänzer und die Musik, alles war auf einmal anders, sehr groß und überwältigend. Die Melodie und der Gesang schallten laut durch den ganzen Raum und drangen bis tief in meine Ohren. Die Tänzer wirkten erhaben, sie nahmen die gesamte Bühne ein.

    Ich versuchte, eine Handlung wahrzunehmen und Zusammenhänge zu erschließen. Zwar nahm ich so etwas wie Soldaten und Mädchen wahr und ihre Verbindungen zueinander, erschuf in meinen Gedanken eine Handlung. Jedoch wurden diese immer wieder verworfen durch neue szenische Darstellungen.

    In der Pause nahm ich mir das Programmheft und begann zu lesen. Es stellte sich heraus, dass sich mein Bewusstsein nicht geirrt hatte, da das Stück tatsächlich keine greifbare Handlung hat. Mit dem Wissen begann ich, mich anders auf das Stück einzulassen, mehr auf die Tänze und die Darstellung und weniger auf die Handlung zu fixieren.

    Im zweiten Teil wurde auf die stimmliche Begleitung verzichtet, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Die gesamte Inszenierung hat mir mehr zugesagt, vor allem die eleganten Kleider. Die Solos und die Paare waren wunderbar und haben toll harmoniert, insbesondere eins hat mich stark beeindruckt. Mit welcher Leichtigkeit sie sich durch den Raum bewegt haben, war magisch.

    Jona Lotte Knippenberg, 14 Jahre

    Szene aus »All Our Yesterdays« ©Kiran West

    Die Ballettprobe am Freitagabend war eine neuartige Erfahrung für mich. Als Austauschschülerin aus China ist Ballett kein üblicher Teil meines Lebens. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich meine bisher erste und einzige Ballettaufführung in China gesehen. Das war »Schwanensee«, getanzt von einer russischen Tanzcompanie. In Hamburg war ich jetzt als BallettTester das erste Mal bei einer Ballettprobe in einem richtigen Theater.

    Das Stück »All Our Yesterdays« setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Sie bestehen sowohl aus klassischem als auch modernem Ballett, was ich ganz besonders fand. In jedem Stück waren viele verschiedene, ausgezeichnete Balletttänzer und -tänzerinnen zu sehen. Als etwas ganz Besonderes habe ich die musikalische Begleitung durch das Orchester und die beiden Sänger erlebt. Diese Livemusik erzeugte bei mir ein ganz anderes Gefühl als Musik vom Tonband.

    Ich selber tanze kein Ballett und kann daher nur erahnen, wie schwierig die Darbietung für die Tänzer war. Bei den Darstellern wirkte jedoch nichts schwer, sondern alles war elegant. Besonders die graziösen Fuß- und Handstellungen haben mich fasziniert. An den erstaunlichen Sprüngen und Drehungen konnte ich erkennen, dass es ein Ballett von sehr hohem Niveau war. 

    Szene aus »All Our Yesterdays« ©Kiran West

    Von den zwei Teilen war mein persönlicher Favorit der erste: »Soldatenlieder«. Verglichen mit dem zweiten Teil, bei dem ich keine zusammenhängende Handlung erkennen konnte, hat »Soldatenlieder« für mich eine Geschichte, die ich verstanden habe. Auch hat mir hier die sehr emotionale Darstellung gefallen. Die Musik wirkte zunächst leicht und glücklich, ist dann immer schwerer und schwerer geworden und am Ende war sie richtig traurig. Dazu passend hat sich auch der Tanz verändert: Die Gruppentänze wirkten fröhlich, die Solotänze melancholisch. Besonders die Choreografie der Gruppentänze hat mich beeindruckt.

    Bühnenbild und Licht waren sehr schlicht. Auch die Kostüme waren nicht so typisch, wie ich sie bei einer Ballettaufführung erwartet hätte. Ich empfand sie als eher unauffällig, wobei die Farbzusammenstellungen durchaus interessant waren und Rückschlüsse auf die Geschichte zuließen. Bei dem zweiten Teil »Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler« gab es die auffälligsten Kostüme, die mit ihren Farben und Schnitten besonders bei den Sprüngen einen tollen Bühneneffekt produziert haben.

    Insgesamt war der Abend ein tolles Erlebnis für mich und ich bin dankbar, dass ich BallettTester sein konnte. Gerne würde ich weitere Stücke des Hamburg Ballett sehen und freue mich auf meinen nächsten Besuch.

    Evelyn Zhou, 16 Jahre

  • Wir packen die Koffer und nehmen mit …

    Wir packen die Koffer und nehmen mit …

    Mitte März bricht das Hamburg Ballett zu einer Gastspielreise nach Hongkong und Peking auf. Im Gepäck: Die Ballette „Der Nussknacker“, „Die Kameliendame“, „Beethoven-Projekt“ und die Gala „The World of John Neumeier“. Um die vier unterschiedlichen Programme in beiden Städten zeigen zu können, reisen neben 133 Mitarbeitern auch jede Menge Requisiten, Kostüme und technisches Equipment mit. Damit alles rechtzeitig und unversehrt ankommt, wird in Hamburg und München aufwendige logistische Vorarbeit geleistet. Simone Krammer vom Logistikpartner HEED! aus München hat uns Fragen zum Planungsprozess des Gastspiels beantwortet.

    Kleider, Röcke, Hosen und Schuhe. Perücken, Schnurrbärte, Hüte und Schmuck. Vorhänge, Werkzeug, Schwingboden und meterweise Kabel machen sich für das Gastspiel nach Hongkong und Peking auf den Weg. Manches Equipment wird schon Monate vorher mit Containerschiffen transportiert. 11 Container werden dafür beladen. Anderes wird mit kürzerem Vorlauf per Luftfracht verschickt. Um Bühnenbild, Requisiten, Technik & Co überhaupt nach Hongkong und Peking einführen zu können, ist die vorherige Anfertigung eines sogenannten Carnet A.T.A. (Carnet ist das französische Wort für Heft, A.T.A. steht für »Admission Temporaire / Temporary Admission«) notwendig. Simone Krammer von HEED! erklärt: »Das Carnet ist ein Zollpassierscheinheft und regelt die Ein- und Ausfuhr von Gebrauchsgegenständen, die das Gastspielland nach Ende der Tournee wieder verlassen werden. Es listet in unserem Fall also alle 3521 Posten auf, die die Compagnie nach Hongkong und Peking begleiten. Der Vorteil eines solches Carnets: Am Zoll werden keine Gebühren für die Einfuhr der Waren fällig, auch die Abfertigung an den Grenzen erfolgt schneller.«

    Das fertige Carnet © HEED!

    Um das Carnet A.T.A. zu erstellen, benötigt der Logistikpartner detaillierte Listen aller zu transportierender Gegenstände. Alle Abteilungen des Hamburg Ballett sind gefragt: Technik, Requisite, Maske, Kostümmitarbeiter listen auf, was sie für das Gastspiel und die vier unterschiedlichen Ballette mitnehmen. Dazu müssen sie genaue Angaben zu Anzahl, Größe, Gewicht und Material der Ware machen. Die Warenliste allein reicht aber noch nicht aus. Alle Gegenstände, die keine Seriennummer haben, über die sie eindeutig zugeordnet werden können, müssen außerdem fotografiert werden. Denn viele der Gegenstände sind mit spezifischen Begriffen aus dem Ballett versehen – und welcher Zöllner kann sich ohne Foto schon vorstellen, was mit dem »Blumenwalzer-Kleid« oder dem Hut der »Betrunkenen Tante« gemeint ist.

    Der Logistikpartner übernimmt dann die Erstellung und korrekte Formatierung der Listen und kontrolliert die eindeutige Nummerierung, Beschriftung und Zuordnung der Fotos, die ebenfalls Teil des Carnets werden. »Mit dieser Arbeit sind wir ungefähr zwei Tage beschäftig«, sagt Simone Krammer. In unserem Fall ist das Carnet am Ende über 800 Seiten lang und 15 cm dick geworden. Insgesamt 3521 verschiedene Posten enthält die Liste. Dabei kommen interessante Zahlen zum Vorschein: Wer hätte gedacht, dass man für ein Ballettgastspiel 56 falsche Schnurrbärte benötigt?

    Aus den Warenlisten ergibt sich auch der Gesamtwert der Fracht, der für den Transport abgesichert werden muss. Der Warenwert wird von der zuständigen Industrie- und Handelskammer überprüft. Die IHK eröffnet anschließend auch das offizielle Carnet-Dokument, HEED! sendet es per Kurier nach Hamburg, von wo aus die Verladung des Gastspiel-Equipments stattfindet. Bevor sich die Ladung auf den Weg nach Hongkong und Peking machen kann, ist noch eine sogenannte Zollbeschau notwendig. Simone Krammer erklärt: »Wir beantragen und stimmen den Termin der Zollbeschau mit dem Zollamt ab. Der Zöllner kontrolliert dabei vor Ort die Ware und vergleicht sie mit dem Carnet. Generell hat der Zoll jederzeit die Möglichkeit, jedes Teil der Fracht zu kontrollieren. Aber bei so einer großen Menge an Kleinteilen wird meist nur stichprobenartig kontrolliert, ob die Ware mit dem Carnet übereinstimmt. Der Zöllner stempelt anschließend den Export aus Deutschland ab, dann darf sich das Equipment per See- oder Luftfracht auf den Weg machen.«

    Unsere Ladung ist in Bezug auf das Freigabeverfahren unkompliziert. Für bestimmte Fracht gibt es aber Sonderregelungen: »Gefahrengut muss man natürlich separat anmelden und kennzeichnen«; erläutert Simone Krammer. »Das trifft auf unsere Ladung aber nicht zu. In manchen Ländern muss man bspw. für Requisitenwaffen sogenannte Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausfüllen, die bestätigen, dass es sich nur um Attrappen handelt.« Das Holzgewehr für das Ballett »Beethoven-Projekt« wird deswegen im Carnet eindeutig mit dem Zusatz »Toy« und dem Hinweis »Not a weapon« gekennzeichnet.

    Während der kompletten Reise begleitet das Carnet die Ware, bei jedem Wechsel in ein anderes Land muss das Dokument vom Zoll abgestempelt und freigegeben werden. Und am Ende des Gastspiels? »Zurück in Deutschland muss wiederum der Re-Import bestätigt werden. Sobald der Zoll in Deutschland die Sendung für den Re-Import freigegeben hat, dürfen wir die Ware wieder in Hamburg zustellen.«

    Frieda Fielers

  • BallettTester »Orphée et Eurydice«

    BallettTester »Orphée et Eurydice«

    Als BallettTesterinnen durften Louisa, Sina und Lucy bereits am Freitag John Neumeiers Inszenierung von Glucks Oper »Orphée et Eurydice« während der Hauptprobe erleben. Auf unserem Blog und dem Blog der Staatsoper berichten sie von ihren Eindrücken.

    Als der Vorhang aufging, fühlte ich mich so, als würde ich mitten in einer Ballettprobe sitzen. Das einfache Bühnenbild, welches sich an jede Szene anpasste, ließ einen in die Geschichte eintauchen. Ich konnte den Schmerz von Orpheus gut nachvollziehen, als seine geliebte Eurydike starb. Diese Eingangsszene gefiel mir sehr, da man sich in alle Trauernden, welche Schwarz gekleidet auf der Bühne tanzten, hineinversetzen konnte. Das dramatische Bühnenbild mit dem im Nebel stehenden Auto im Hintergrund und die lange Arie, in der sich Orpheus seinem Gefährten Amor anvertraut, berührt einen sehr.

    Als die beiden sich schließlich auf den Weg in die Unterwelt machen, ließen einen die Furien, welche fantastische, mit glitzernden Steinen besetzte Kostüme trugen, regelrecht zusammenzucken. Diese tanzten ausdrucksstark und aggressiv. Man konnte erkennen, dass sie sich gegen Orpheus stellten und versuchten, ihn von seiner Geliebten fernzuhalten. Doch der singende Orpheus brachte sie zum Schmelzen.

    Als Orpheus nach seiner langen Reise durch die Unterwelt endlich bei Eurydike ankommt, rührt einen die Szene zu Tränen. Dass er sich nicht umdrehen darf, macht einen wütend. Man fühlt den Schmerz von Eurydike, die an der Liebe von Orpheus zweifelt, und erlebt, wie Orpheus mit sich ringt und sich eigentlich zu seiner Geliebten umdrehen will.

    Das Ende fand ich wunderschön und tröstlich: Denn die Botschaft, dass die geliebten Seelen immer mit einem sind, egal was man tut und wo man sich gerade befindet, erreicht einen durch die immer wieder als Braut erscheinende Eurydike sehr gut. In jeder alltäglichen Situation wie zum Beispiel im Ballettsaal steht sie, unsichtbar für die anderen, neben ihm und drückt die immerwährende endlose Liebe der beiden aus.

    Louisa, 14 Jahre

    Orphée et Eurydice © Kiran West

    Die schöne Eurydike stirbt! Dargestellt als Autounfall. Die Zuschauer hören passende Geräusche dazu, im nächsten Moment steht ein kaputter Kleinwagen auf der Bühne und die leblose Eurydike liegt davor. Die Trauer wird durch die schwarze Kleidung der Tänzer eingefangen.

    Das Bühnenbild ist sehr klar und einfach. Deutlich ist für mich eine moderne Struktur zu erkennen. Bei manchen Szenen sieht es sogar fast futuristisch aus. Weiße Wände und Spiegel geben dem Raum auf der Bühne eine klare Linie und doch eine Weite. Aktiv werden alle beim Steuern des Bühnenbilds mit eingebunden. Tänzer schieben Wände, sind Deko und Darsteller zugleich. Ohne viel Steuerung von außen kommt das Bühnenbild hier aus, so wirkt es zumindest auf die Zuschauer.

    Beim Betreten der Totenwelt muss Orpheus Furien und Geister mit seinem Gesang überzeugen. Alle sind in weiß gekleidet. Am besten gefallen mir hier aber die drei schwarzen Wächter! Ihre Kostüme sind Ganzkörperanzüge, die selbst das Gesicht aus unserer Entfernung nicht klar erkennen lassen. Ihre Bewegungen erscheinen wie ein Spiel miteinander – herausragende Rollen und Leistungen der drei Kreaturen! Sie haben mich am meisten beeindruckt am Abend.

    Als die wiedervereinten Liebenden sich auf den Weg zurück in die normale Welt machen, beginnt ein Streit über die meidenden Blicke des Ehemanns. Das Bühnenbild wechselt hierbei durch sich drehende Wandelemente, die durch schwarz gekleidete Tänzer bewegt werden. Außer diesen Wänden braucht das Bild nicht mehr. Die Energie entsteht durch den Gesang und die Konversation der beiden.

    Sina, 29 Jahre

    Orphée et Eurydice © Kiran West

    Es war für mich die erste Inszenierung bei der sowohl Oper als auch Ballett mitgewirkt haben. Daran muss man sich als Zuschauer auch erstmal gewöhnen, kann es aber auch umso mehr genießen. Der Handlungsrahmen von John Neumeier ergänzt das Stück hervorragend und macht die Geschichte schlüssiger. Der Solistengesang hat mir gut gefallen, vor allem die Stimme der Eurydike habe ich sehr genossen. Der Gesang wurde gut mit der Inszenierung auf der Bühne verbunden und wirkte nie wie eintöniger Operngesang. Der Tanz hat mir sehr gut gefallen. In der Regel waren es Gruppentänze aus denen immer wieder ein Paar hervorstach, es wurde viel variiert. Die vielen Hebefiguren waren spektakulär.

    Auch besonders gefallen haben mir Bühnenbild und Kostüm. Die Teile des Bühnenbildes waren großartig – multifunktional und trotzdem simpel gehalten. Generell fand im Bühnenbild viel Bewegung statt, durch die Spiegel konnte man teilweise eine dreidimensionale Sicht auf das Geschehen haben.

    Lucy, 20 Jahre

  • Bei einer Probe von »Brahms/Balanchine« II

    Bei einer Probe von »Brahms/Balanchine« II

    Zwei Klassen der Erika Klütz Schule für Tanzpädagogik besuchten in der vergangenen Woche Bühnenproben zur Premiere des Ballettabends »Brahms/Balanchine«. Geprobt wurde der zweite Teil des Abends, Balanchines Choreografie »Brahms-Schoenberg Quartet«. Paulina hat ihre Eindrücke für uns aufgeschrieben.

    »Der Choreograf hat sich von den Grenzen der realen Zeit zu lösen, so wie sich der Tänzer von seiner Körperschwere gelöst hat.«
    George Balanchine

    Wir, die Schüler und Dozenten der Erika Klütz Schule, durften genau dieses Phänomen, »sich von den Grenzen der realen Zeit zu lösen«, erleben. Am vergangenen Mittwoch hatten wir das große Privileg, bei einer Bühnenprobe des »Brahms-Schoenberg Quartet« von George Balanchine in der Hamburgischen Staatsoper zuzuschauen – dem zweiten Teil des Ballettabends »Brahms/Balanchine« des Hamburg Ballett.

    Am Mittwochvormittag sind wir somit die einzigen Zuschauer in der großen Staatsoper. Als wir den Saal betreten, ist bereits viel los auf der Bühne: Die Tänzer machen sich in ihrer Trainingskleidung an den Seiten warm, proben unter Anleitung von Ballettmeistern, alles unabhängig voneinander. Wie ein Training auf der Bühne. Immer wieder laufen Personen kreuz und quer über die Bühne, andere unterhalten sich und alle sehen dabei unglaublich beschäftigt aus, was sie mit Sicherheit auch sind!

    Das Orchester spielt sich währenddessen unabhängig von den Tänzern ein. Alle sind sehr in ihre Rollen vertieft, lassen sich von uns gar nicht stören und scheinen gar nicht erst zu bemerken, dass wir in den Reihen sitzen und fasziniert beobachten. Von einem Bühnenbild ist weit und breit noch nichts zu sehen, die Aufgänge an den Bühnenseiten sind lediglich abgegrenzt. Man kann viel von dem hinteren Bereich der Bühne sehen, was auf jeden Fall ein interessantes Bild darstellt.

    Lucia Rios und Ensemble bei einer Bühnenprobe © Kiran West

    Die eigentliche Probe hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen und trotzdem ist das gesamte Bild unglaublich faszinierend, aber auf eine andere Art und Weise als bei einer Aufführung. Alle wirken so konzentriert und sind schon mit vollem Herz und Seele dabei. Auch wenn hier und da nur angedeutet wird, sind alle Bewegungen sehr anmutig und elegant. Fast kommt das Gefühl auf, ein Teil von dieser Gruppe zu sein, da wir so private Einblicke bekommen.

    Der Dirigent meldet sich nun zu Wort, wünscht allen einen guten Morgen und erklärt, dass zwischendurch unterbrochen werden muss, um einige Dinge zu klären. Als sich der Vorhang kurz schließt, ist dies das Zeichen, dass die Probe beginnt. Die Tänzer zeigen eine wundervolle Vorstellung, obwohl es nur eine Probe ist und alle in ihrer Trainingskleidung auftreten. Es ist ein sehr interessantes Bild, ganz anders als wenn alle in ihren Kostümen stecken. Immer wieder wird die Probe unterbrochen und einzelne Parts müssen wiederholt werden, damit alles für die Vorstellung sitzt und aufeinander abgestimmt ist. Nebenbei werden auch noch Fotos gemacht.

    Yun-Su Park, Edvin Revazov und Ensemble bei der Probe © Kiran West

    Einige Tänzer, die wahrscheinlich eine längere Pause haben, sitzen zwischendurch in den Reihen und gucken zu, die Ballettmeister besprechen viel miteinander und mit den Tänzern. Das Ganze ist für mich als Zuschauerin überhaupt nicht langweilig oder anstrengend, ganz im Gegenteil – es ist toll, solch einen Einblick in ein professionelles Tänzerleben zu bekommen. Als die Probe endet, müssen wir uns zusammenreißen, um nicht zu klatschen. Der Dirigent sagt noch: »Beautiful job! Maestro, any corrections? Otherwise: delicious!« Ein sehr schöner, sympathischer Abschluss.

    Als ich nun am Montagabend die Staatsoper betrete, entdecke ich sofort meine Mitschülerinnen und Mitschüler sowie meine Lehrer. In diesem Moment wird mir nochmal bewusst, was für ein wertvolles Geschenk es ist, mit der gesamten Schule eine Probe und die Aufführung sehen zu dürfen! Ein großes Privileg, welches wir alle einzeln, aber auch als gesamte Schule genossen haben. Dadurch, dass ich das erste Mal zuerst eine Probe des Hamburg Ballett gesehen habe und nun auch noch die gesamte Vorstellung, bin ich umso neugieriger. Wie ist der Unterschied? Erkenne ich Änderungen? Wie wirkt das Stück mit dem richtigen Kostüm?

    Momentaufnahme des »Brahms-Schoenberg Quartet« © Kiran West

    Da ich Teil der Gruppe war, die nur den zweiten Teil des Ballettabends gesehen hat, bin ich sehr gespannt auf den ersten Teil. Ich bin sehr positiv überrascht, dass Sängerinnen und Sänger beteiligt sind und der Anfang nicht auf Spitzenschuhen getanzt wird. Ein sehr interessantes Bild, natürlich mit wunderschönen Kostümen. Als nach der Pause dann das »Brahms-Schoenberg Quartet« an der Reihe ist, bin ich sehr gespannt, wie es im Vergleich zu der Probe sein wird – und ich muss sagen, dass es für mich wie ein komplett anderes Stück wirkt: Die prägnanten Formationen sind mir natürlich sofort wieder aufgefallen. Auch die Kostüme sind beeindruckend, wobei ich wie bereits erwähnt sagen muss, dass ich das Stück in Trainingsbekleidung getanzt ebenfalls als sehr interessant empfunden habe. Ich denke, der Abend wird uns allen in Erinnerung bleiben!

    Bericht vom 5. Dezember und 10. Dezember 2018 von Paulina, Schülerin der 3. Ausbildungsklasse der Erika Klütz Schule, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Tanzpädagogik. Hier geht es zu den Berichten des ersten Probenbesuchs.